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Schlachtfest

Noch bis morgen zum Sonnenuntergang wird in Israel Rosch HaSchana, also der Anfang des neuen Jahres nach dem jüdischen Kalender, gefeiert. Zu diesem Anlass werden vielerorts Äpfel mit Honig gegessen, um sich symbolisch ein „süßes Jahr“ zu wünschen. Während dieser folkloristische Brauch wohl eher in jüngerer Zeit in Mode gekommen ist, wurzelt das Blasen des Schofar an diesen Tagen in der Muttererde des Monotheismus. Der Schofar soll als rituelles Instrument aus Widderhorn an die biblische Geschichte des Opfergangs Abrahams nach Morija erinnern.


Schofar im aschkenasischen Stil. Bildquelle: Wikipedia

Darin wird Abraham von Gott angewiesen, in das Land Morija zu gehen und dort seinen einzigen Sohn Isaak zu Opfern. Der treue Befehlsempfänger tut, wie ihm geheißen:

Und als sie kamen an die Stätte, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham daselbst einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete. (a)

Weil nun Abrahams Folgsamkeit zur Genüge unter Beweis gestellt ist, kommt gerade noch rechtzeitig ein Engel angeschwebt, um Abraham vom Mord an seinem eigenen Sohn abzuhalten. Wundersamerweise ist aber prompt ein Widder zur Stelle, der nun ersatzweise als Opfer dient.

Als Grundaussage verlangt diese Geschichte also einen bedingungslosen Gehorsam gegenüber Gott, einem, ehem DEM „HERRN“ (sic!), wie das in der Lutherbibel per Großschreibung immer so penetrant hervorgehoben ist. Dieser Gehorsam geht über jedes zwischenmenschliche Empathieempfinden. Befehl ist Befehl – und wenn dabei das eigene Kind zu schlachten ist. Eine, wenn auch ungewollt, treffende Religionskritik in der Bibel. Ist das nun lustig oder traurig?

Anmerkung:

a) Mose 22, 9-10; zitiert nach einer modernisierten Version von 1912 der Lutherübersetzung von 1545

Die Zukunft liegt in Israel

Seit Sonnenuntergang hat nach dem jüdischen Kalender ein neues Jahr angefangen. Es fühlt sich schon besonders an, in das Jahr 5769 rutschen (a) zu können.

Ich war eben das erste mal in meinem Leben in einer Synagoge. Die Gemeinde gehört dem Reformjudentum an. Das hatte zur Folge, dass es keine geschlechtlich getrennten Bereiche und keine_n Rabbiner_in gab, sondern nur eine Kantorin und ein Gemeindemitglied, das ausgewählt worden war, zu diesem Anlass die Predigt zu halten.

Leider habe ich zwar hin und wieder einzelne Wörter, aber nicht den Zusammenhang verstanden, weshalb die Veranstaltung letztlich ähnlich langweilig war wie ein christlicher Gottesdienst.

Genug für heute. Shana tovah!

Anmerkung:

a) Der „Rutsch“ ins neue Jahr kommt vom hebräischen „Rosch HaSchana“, zu deutsch „Kopf“, d.h. Anfang „des neuen Jahres“.

Leben ohne Wutgeschenke

„I don‘t take your anger gift!“ Dieser gedachte Antwortsatz wurde beim letzten Programmpunkt am dienstäglichen Seminartag als Strategie zum Umgang mit Nervbolden in Gestalt von Vorgesetzten oder Mitbewohner_innen anempfohlen.

Der Ratgeber war der angebliche „Soziologe“ Dr. Yossi Shalev, ein schauspielerisch und psychologisch eher mäßig begabter Selbstdarsteller. Sein gezwungen selbstsicher wirkendes Lächeln bestätigte in Kombination mit seiner Sonnenstudiobräune die erste vorurteilsbedingte Kategorisierung als gealterter und gescheiterter Sunnyboy.
Seine Fähigkeit, eine einzige Luftblase über zwei Stunden auszudehnen, zwingt mich zu einem gewissen Respekt. Für meine eigene Zukunft als „Love yourself“-Guru habe ich mir auch gleich ein paar Strategien für meine kommenden, maßlos überbezahlten Seminare abgeguckt. Hier Auszüge frisch von meinem Notizblock:

1) Glaubenssätze formulieren, die so banal sind, dass ihnen jede_r rational zustimmen muss (a), ohne dass sie je jemand konsequent umsetzen könnte. Wer oft genug dazu gebracht wird, zuzustimmen, ist in einem empfänglichen Zustand – eine simple aber bewährte küchenpsychologische Weisheit.
Beispiele aus dem Vortrag:
- „Ich mag mich.“
- „Wer wütend ist, handelt unbedacht.“

2) Vordergründige Spezialisierung auf einen eingeschränkten Bereich. Zwecks Arbeitsersparnis aber im Wesentlichen auf Allgemeinplätze zurückgreifen, die sich in jeder Art von Lebensberatungsliteratur finden. Gleichzeitig meine „Ideen“ als spannende Neuigkeit und Schlüssel zu einem guten Leben (b) verkaufen.

3) Selbige mit unzähligen Geschichten illustrieren. Die Pointen dürfen ebenso banal und beliebig konstruiert sein. Um ihnen zusätzlich Authentizität zu verleihen, Urheberschaften davon angeben, die gut klingen, die aber niemand aus dem Publikum nachvollziehen kann. Die üblicherweise an meinen Seminaren interessierten armen Schweine werden sich in ihrer Verzweiflung noch am dünnsten Strohhalm festkrallen.

4) Esoterik-Gesäusel hilft, Tiefe zu simulieren. Bevorzugt auf Begriffe zurückgreifen, die den Zuhörer_innen vermutlich bekannt sind, ohne dass sie wissen dürften, was genau damit gemeint ist.
Beispiel aus dem Vortrag: „Ganzheitliche Medizin“

5) Über Beziehungsblub und Sex zu reden bringt Aufmerksamkeit. Unbedingt verbauen – egal, wie gut oder schlecht das jeweils reinpasst.

 

Anmerkungen:

(a) Gegenbeispiel: Dr. Grinsekatze ließ uns wissen, wozu er Shoa-Überlebenden gewöhnlich raten würde: „Forgive and forget.“

(b) Dieses gute Leben gibt es im falschen Ganzen bekanntlich nicht. Dass das bürgerliche Glücksversprechen trotz der Unmöglichkeit seiner Einlösung unter den bestehenden Verhältnissen beharrlich wiederholt wird, ist die Lebensgrundlage für Menschen wie Dr. Shalev.

Hakol beseder – alles okay

Um besorgten Nachfragen vorzubeugen: Über meinem Kopf schwirren zwar gerade auffällig häufig Helikopter vorbei, aber von dem Anschlag vor etwas mehr als einer Stunde habe auch ich nur über Online-Medien erfahren. Zum Glück ist von den 19 Verletzten, von denen die meisten offenbar IDF-Soldat_innen sind, offenbar niemand in Lebensgefahr.

Von den Engeln und den Spatzen

„Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“ schrieb Walter Benjamin 1921 in seinem lesenswerten, aber leider nur fragmentarisch erhaltenen Text „Kapitalismus als Religion“.

Ich möchte ihm in diesem Punkt widersprechen. Denn gerade in der christlichen Religion wird ihren Anhänger_innen die Schuld erst aufgeladen, damit sie gnädig wieder genommen werden kann. Das haben mir aktuell Beobachtungen in einem deutschsprachigen Gottesdienst in der Jerusalemer Erlöserkirche am vergangenen Sonntag verdeutlicht. Ein „Bekenntnis der Schuld“ hat dort seinen festen Platz im Programmheft, dessen Inhalt vor allem die ungefragt vereinnahmende Behauptung ist, „wir alle“ seien solche armen „Sünder“ und müssten den Herrgottvaterimhimmel um Verzeihung bitten.

In der Predigt nannte die Pfarrvikanin Demut als das Leitprinzip im Leben guter Christ_innen. Und in der Tat bedeutet Religion eine gegen das Selbst gewandte Demütigung, eine Übung in gedankenloser Unterwürfigkeit.

Möglich wird das durch die Verschmelzung der eigenen Interessen mit denen des religiösen Kollektivs, die sich in der gemeinsamen Halluzinierung einer übersinnlichen Erfahrung vollzieht.
Sehr deutlich illustrierten das am Sonntag die Fürbitten. Ein Vorbeter las die vermeintlich gemeinsamen Wünsche vor, die Schafherde bzw. „Gemeinde“ antwortete mit einem bedeutungsvollen Säuseln: „Herr, erhöre uns.“ So wurde „besonders für unsere palästinensischen Geschwister“, aber auch „für die Länder, aus denen wir stammen“ und explizit „Deutschland“ (sic!) um göttlichen Beistand angefragt.

Konsequenterweise durfte in der Predigt auch dieses eine gewisse Wort nicht fehlen, gegen das ich inzwischen eine Art Allergie entwickelt habe: Die Toleranz. Der Gedanke der Duldung des vermeintlich oder wirklich Anderen gehört untrennbar zur Herrschaftsideologie der bestehenden Gesellschaft. Die eigene Meinung ist demnach nur als ein unwesentliches Steinchen in einem bunten Mosaik zu betrachten und hat sich also in der Konsequenz selbst nicht ernst zu nehmen. Wie im sog. „dialektischen“ Schulaufsatz hat alles diskutabel zu sein – unabhängig von der möglichen Dummheit eines Gedankens oder den Folgen seiner Umsetzung in die Praxis.

Warum die Pfarrvikarin am vergangenen Sonntag auch die Geduld lobpreiste, macht eine eher beiläufig eingestreute Erklärung deutlich. Ihr ging es nach eigenem Bekunden darum, die Anwendung von „radikalen Mitteln“ zu vermeiden, also die gesellschaftliche Funktion von Religion zu erfüllen: Einbinden und ruhig Stellen.

Da der Glaube per Definition ein irrationales Prinzip ist, ist er auf rationaler Ebene nur schwerlich angreifbar. Wo subjektives „Fühlen“ zum objektiven Beweis erhoben wird, aber auch wo die Partei immer recht hat, da können sachliche Argumente einfach nur ins Leere gehen.

Um die Selbstironie nicht zu kurz kommen zu lassen, schließe ich für heute mit Heinrich Heine:

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

P.S.:
Von einem Mitfreiwilligen auf das Thema Homosexualität angesprochen, erklärte der Probst beim Tee danach: „Wir haben größere Probleme.“

Jerusalem …

Wenn auch noch nicht angekommen, so bin ich doch wenigstens da. In Jerusalem, für den Anfang. Zu erzählen gäbe es viel, aber ich muss meine Eindrücke erstmal verarbeiten. Vielleicht bin ich auch einfach zu faul. Jedenfalls beschränke ich mich erstmal auf ein paar kommentierte Bilder.

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Abflug


Ohne Worte.


Blick auf die Altstadt vom Dach eines Hauses. Das typische Äußere der Gebäude liegt zu einem erheblichen Teil an der Verwendung des „Jerusalem-Steins“ (der heißt wirklich so).


Durch die Fußgängerstraßen im muslimisch-arabischen Viertel schieben sich nach dem Gottesdienst in der Al-Aqsa-Moschee Unmengen an Menschen.



An Ständen und in Läden gibt es Unmengen an günstigen und gut schmeckenden Früchten und Gewürzen, aber auch Kleidung und jeder Menge Krempel.


IDF-Soldaten in der Altstadt. Kein ungewöhnliches Bild an diesem militarisierten Ort, wobei die Polizei noch deutlich präsenter ist. In den vergangenen Tagen sind mir immer wieder Soldat_innen begegnet, die auch in ihrer Freizeit wie selbstverständlich Maschinenpistolen tragen.

P.S.:
Der Kollege Lipstick.Israel schreibt von einem gemeinsamen Erlebnis: >>Link. Für seine Formulierungen und seine Rechtschreibung kann ich nichts.

Gnadenlos mies

Es gibt einen Neuzugang im Bereich Zurichtungsfernsehen: Der Sender Sat1 hat am 20. August die erste Folge seiner Serie „Gnadenlos gerecht“ ausgestrahlt.

Das Format wird in der Eigendarstellung so beschrieben:

Die neue Sat.1-Doku begleitet die beiden Mitarbeiter der Kreisverwaltung Offenbach bei ihrer täglichen Arbeit. Das eingespielte Team heftet sich an die Fersen von mutmaßlichen Hartz IV-Betrügern: Sie ermitteln „undercover“ im In- und Ausland und kennen alle Tricks.

Die Rollen sind klar verteilt: Der der „eher ruhige, souveräne Kollege Helge Hofmeister“ schnüffelt ungeniert in der Privatsphäre von Hartz4-Empfänger_innen, die ihr Elend zu mindern versuchen, während die „temperamentvolle, geradlinige Helena Fürst“ sie „gnadenlos gerecht“ zurück in die Scheiße tritt.

So verweigern die beiden „Sozialfahnder“ in dem folgenden Ausschnitt einer alleinerziehenden Mutter mit einem dreijhrigen Kind eine Ersetzung der bereits auf dem Sperrmüll gelandeten verschimmelten Möbel. Weil sie aber erkennen, wie „dramatisch“ ihre Situation ist, geben sie sich so gnädig ihr ein DARLEHEN zu genehmigen, das sie in monatlichen Raten zurückzuzahlen habe:

Helena Fürst mag ihre Arbeit. Im Interview auf der Homepage zur Serie sagt sie:

Wir hatten und haben gemeinsam viel Spaß und es steckt viel Liebe und Arbeit von uns allen in dieser Serie.

Bei so viel Zynismus schafft es auch ein Christian Ulmen nicht mehr, die Menschenverachtung satirisch zu überspitzen. Bei seinem Charakter „Alexander von Eich“, bekannt aus „Mein neuer Freund“, reicht es mit der Pseudo-Reality-Soap „Alexander von Eich hilft“ doch nur zu einem blassen Abklatsch der Realität: Link.

Aber hier leben …

Auch wenn der Song anders intendiert gewesen sein mag, bleibt er mein Provinz-Soundtrack:

… und deswegen mache ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt:

Mit Versöhnungskitsch durch den Dschungel

Wenn erklärte Besserwisser_innen etwas nicht verstehen, neigen sie zuweilen dazu, ihren Status durch einen wütenden Ausfall nach vorne zu verteidigen. So auch Ingo Way und Stefan Wirner in ihrem Text „Juden als nützliche Idioten“, der rätselhafterweise im Feuilleton-Teil der linken Wochenzeitung Jungle World veröffentlicht wurde.


Bildquelle: Link

Darin versuchen sie, eine Kritik an einem Essay von Stephan Grigat zu formulieren, der im Dossier-Teil der vorangegangenen Ausgabe erschienen war. Leider reicht es beim Autoren-Duo Way/Wirner aber nur zu gegenstandslosen Diffamierungen, missverstandenen Zitaten und einer Identifikation mit der bundesrepublikanischen Staatsräson.

Wer sich offen zum Besserwissertum bekennt, sollte tatsächlich auch etwas besser wissen. Peinlich wird es nämlich, wenn auf einen Satz, wie

Das demonstrative Desinteresse an jüdischer Religion schlägt sich denn auch in fundamen­taler Unkenntnis nieder.

die eigene „fundamentale Unkenntnis“ offengelegt wird:

Denn der Messianismus ist mitnichten wesentlich für das Judentum, das eine Religion der Tora und nicht der Endzeit­erwartung ist. In manchen Sekten innerhalb des Judentums spielte das messianische Element zwar bisweilen eine Rolle, es wurde aber nie zum Mainstream.

Und auch sonst ist dem Text anzumerken, dass er schnell aus der Hüfte geschossen ist. So heißt es darin z.B.:

Um Juden geht es im antideutschen Denken nur bedingt, wie Grigat betont. Denn es handelt sich um »eine Kritik, die sich für Juden als Juden nur insofern interessiert, als sie Opfer des Antisemitismus waren und sind. Zu ihrem ›Jüdisch-Sein‹ – und das grenzt sie von philosemitischen Anwandlungen deutlich ab – hat sie ebenso wenig zu sagen wie zur jüdischen Kultur und Tradition.« Juden sind nur als Opfer von Interesse – und nicht als handelnde Menschen, geschweige denn als religiöse. Die Kursivierung des Wörtchens »als« soll nur kaschieren, was nicht zu kaschieren ist.

Grigat ging es in dem zitierten Satz nun aber nicht darum, grundsätzlich jede Beschäftigung mit „jüdische Kultur und Tradition“ zu diskreditieren, sondern vielmehr zu verdeutlichen, dass sie für eine Gesellschaftskritik nicht nutzbar zu machen ist.

Als Produkt des selben Irrtums wird aus dem Satz

Und der eine oder die andere Antideutsche jüngeren Semesters sollte besser Adorno lesen als eifrig Hebräisch zu pauken.

ein Aufruf zum „Boykott von Hebräisch-Kursen“.

Mit einem Vokabular, das an einen Verfassungsschutzbericht erinnert, kämpfen sich die Beiden durch den Ideen-Dschungel Stephan Grigats. Den Antideutschen wird zum Vorwurf gemacht, dass sie „antidemokratisch“, „linksextremistisch“ und „totalitär“ seien. Dabei machen sich die Autoren ein seltendämliches Konstrukt zu eigen, in dem alles links und rechts der goldenen demokratischen „Mitte“ gleichermaßen menschenfeindlich und Nazis und Linksradikale doch irgendwie alle das selbe sind.

Allen Ernstes echauffieren sich diese zwei lupenreinen Staatsfans darüber, dass der durchschnittliche Antideutsche

die Bundesrepublik und ihr demokratisches System abgrundtief hasst

und dass

diese linke deut­sche Strömung […] nur auf die Abschaffung von Marktwirtschaft und Demo­kratie hinaus will …

Welch schlimme Fürchterlichkeit! Welche neue Entdeckung! Eine linksradikale „Strömung“ zielt doch tatsächlich auf die Überwindung einer Gesellschaft, die Zumutungen wie Konkurrenzzwang und Leistungsprinzip, Gewinner und Verlierer_innen und die Zurichtung zu Staatsbürger_innen in nationalen Zwangskollektiven kennt. Aber es kommt noch ärger:

… und Versöhnung und Religiö­sität zutiefst verabscheut.

Für liberale Meinungssoldaten im Abwehrkampf gegen den „Extremismus“ ist es in der Tat folgerichtig, auch die Religion für ein schützenswertes Gut zu halten. Schließlich bleibt der „Kampf gegen die Religion […] mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist“ (Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie).

Von geradezu grenzenloser Ignoranz zeugt aber die Verwendung des Wortes „Versöhnung“ im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Geschichte. Auf diese Weise werden Täter und Opfer umgelogen zu gleichberechtigten Partnern in einem Prozess der Überwindung früherer gegenseitiger Differenzen. Schließlich entblöden sich die Autoren nicht, die Shoa implizit als Betriebsunfall im deutsch-jüdischen Joint-Venture zu verniedlichen. Sie schreiben von dem

Versuch der Deut­schen und der Juden, nach dem Holocaust ein neues Kapitel in der deutsch-jüdischen G­e­schich­te aufzuschlagen

Sollte es bei der Veröffentlichung des Textes „Juden als nützliche Idioten“ um die Erregung von Aufmerksamkeit gegangen sein, so wird dieses Vorhaben mit Erfolg belohnt werden. Das dürfte aber weder den Autoren noch dem Medium gut bekommen.

P.S.:
Nun war also doch jemand schneller: Wartezeit überbrücken …

P.P.S.:
Die Jungle World hat eine „Disko“ draus gemacht. Hier die Antwort von Gerhard Scheit: Eliminierung der Widersprüche

Gewichtiges Problem in South LA

Der internationalen Presse nach zu urteilen, gibt es in den Ghettos im Süden von Los Angeles eigentlich nur ein gravierendes Problem: Die widerspenstige Unterschicht ernährt sich zu ungesund. Eine aktuelle Studie befindet jedes vierte Kind in diesen Gegenden für zu dick, in LA insgesamt jedes dritte. Stadträtin Jan Perry weiß um die Folgen: „Der Nebeneffekt einer dauerhaften Ernährung mit Fast Food ist, dass die Gesellschaft langfristig die Gesundheitskosten tragen muss.“

Weil der soziale Bodensatz nicht weiß, welches Essen gut für ihn und vor allem für das Gemeinwesen ist, hilft ihm der Staat nun bei der Entscheidung. Einen „Sieg für die Menschen von South Los Angeles” nannte Perry die Annahme ihres Vorschlages, in dem Gebiet ein einjähriges Verbot für die Eröffnung neuer Schnellimbisse zu verhängen. Nun sei eine aggressive Werbung um Anbieter von „guten gesunden Alternativen“ notwendig.

Die sind allerdings für immer weniger Menschen bezahlbar. In der Folge der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession sind die Lebenshaltungskosten in den USA so schnell gestiegen, wie seit 1991 nicht mehr. „Wir profitieren von dem Druck, den die Leute hinsichtlich ihres verfügbaren Einkommens verspüren“, sagte Burger-King-Chef John W. Chidsey im April dem Wall Street Journal. „Die Leute können es sich nicht leisten, zu Applebee’s zu gehen oder zu Chili’s.“ Und greifen notgedrungen zu den Ein-Dollar-Menüs bei McDonald’s, Burger King oder Wendy’s.

Fast-Food „ist die einzige Branche, die in South LA sein möchte“ erklärte der Sprecher der California Restaurant Association, Andrew Casana. „Restaurants mit Sitzgelegenheiten wollen sich dort nicht ansiedeln. Sonst wären sie dort.”

Der Soziologe Barry Glassner von der University of Southern California warnt zudem davor, „bestimmten Gruppen in der Bevölkerung vorzuschreiben, was sie zu essen haben“. Dies sei „bevormundend und herabwürdigend“.