Archiv der Kategorie 'Persönliches'

Margaritkelech

Du hast dieses Lied gemocht und es ist ja auch wirklich so schön, dass es noch einen Stein bewegen könnte. Als du vorgestern gestorben bist, war ich wohl vom Altersheim schon nach Hause gegangen. Ich singe vom Chawele und ihrem Lidele und denke an dich. Ruhe in Frieden, Ester.

Feuerpause

Die Truppen der israelischen Armee haben sich aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen und der Waffenstillstand mit der Hamas hält bislang weitgehend (sic!). Weil im nicht-virtuellen Leben gerade viele Aufgaben auf mich warten, lege auch ich eine kleine Pause ein. Wir lesen uns.

Koexistenz

„Die Shoah, was ist das?“ fragt eine erwachsene Frau von einigen zwanzig Jahren mit dem naiven Gesicht eines neugierigen Kindes. Sie lebt nicht nur in Israel, sondern arbeitet in meinem Altenheim, in dem ein Großteil der Bewohner_innen deutschsprachige Emmigrant_innen sind, die den Kibbutz ab den 1930er Jahren aus dem Nichts aufgebaut haben. Zwei von ihnen haben KZs überlebt, viele ihre Eltern, andere nahe Verwandte und Freund_innen verloren und auch sonst ein Leben voller Leid und Entbehrung hinter sich.

Auch das Wort Holocaust kann der jungen Frau zu keiner Erinnerung verhelfen. Ein älterer Teilnehmer am Kibbutz-Ausflug hat mitgehört und sichtlich verletzt. „Die Shoah“, so ruft er ihr zu, „das ist, wo die Deutschen 6 Millionen Juden umgebracht haben.“ Sie hat ihn gar nicht registriert. Als ihr schließlich auf Arabisch erklärt wird, worum es geht, versichert sie, mich nun verstanden zu haben. Ihr Gesichtsausdruck spricht noch immer eine andere Sprache.

P.S.:
Eben habe ich einen interessanten Artikel über den Betreiber eines Holocaust-Museums in Nazareth gefunden: Link. Auch wenn er mit viel Fragwürdigem zitiert wird, gehört sein Projekt wohl zu dem wenigen Hoffnungsvollen, was es zum Thema momentan zu vermelden gibt.

Unter Anderem heißt es dort:

Many Palestinians have never heard that the Nazis killed 6 million Jews during Word War II — it doesn‘t rate a mention in their school history books. Others join with the likes of Iran’s President Mahmoud Ahmedinejad in denying that the Holocaust ever happened. The Jews, according to this blinkered reasoning, are their enemies in the battle over the Holy Land, and they cannot afford to have sympathy for their enemy. Mahameed sees this view as tragically misguided. The key to the Palestinians achieving their own goals, he says, is to understand the Holocaust, and the place it holds in the Israeli psyche and its obsession with security.

Tage am Meer

Ob in Haifa, Akko oder Nahariya: Die Zeit kann ich in Israel gerade noch sehr schön am am Meer vertrödeln. Auch wenn die meisten Israelis das anders sehen und sich bei aktuell 25 Grad darüber beklagen, dass es auf den Winter zugehe.

Obwohl ich also schwer beschäftigt war mit Sonnen, Baden, Pizza essen, Lesen und Sonnenuntergänge gucken, habe ich selbst beim Strandurlaub noch etwas für den Blog getan. Das Ergebnis findet sich oben als Banner.

Altneulinks

Leider ist es kein Traum: Chadasch, zu deutsch „Neu“, das ist die ‚kommunistische‘ Partei Israels. (a)


Vergrößern: linksmitte (Zeichen der Chadasch auf einer Fahne) – rechts

Bei den Knesset-Wahlen mit +/- 3 Sitzen dümpelt die Partei regelmäßig in bedeutungsloser Wahrnehmbarkeit dahin. Auf den Listen der Partei stehen, das ist in Israel eine echte Besonderheit, sowohl jüdische als auch (und vor allem) arabische israelische Kandidat_innen. Eine größere Bedeutung hat sie daher bei anstehenden Kommunalwahlen in gemischten Städten, wo sie oft nicht selber vertreten ist, aber ihre Unterstützung für jeweilige Lokalparteien eine Rolle spielt.

Für Dienstag vergangene Woche, den ersten Tag von Sukkot, hatte die Partei in Akko zu einer Versammlung für die Koexistenz aufgerufen, wo es aufgrund von Nichtigkeiten zu mehrtägigen heftigen Auseinandersetzungen zwischen fanatisierten jüdischen und arabischen Rechten gekommen war (zum Hintergrund siehe ‚Versöhnliche Steinwürfe‘).


Vergrößern: links („Shalom = Salaam“ (b)) – mitterechts (vor der Busankunft)

Die meisten Teilnehmer_innen kamen nach meinem Eindruck aber nicht aus der Stadt selbst, sondern reisten mit Autos aus den verschiedenen Landesteilen an; ein Großteil kam mit einem Bus aus Tel-Aviv. Eine Bekanntschaft war so nett, mir die Redebeiträge im Groben synchron ins Englische zu übersetzen.

Die Ereignisse wurden geschildert und es wurde von Familien und Einzelpersonen berichtet, die sich nur knapp vor dem Mob retten konnten, deren Wohnungen bei den Riots zerstört worden waren, oder die sich aus Angst vor ihren Nachbar_innen nicht mehr zurück trauen. In dem traditionellen Sukkar-Zelt sprachen ein lokaler Kandidat von Chadasch, eine namenlose Aktivistin und Dov Khenin, ein Knesset-Abgeordneter der Partei, der für die Bürgermeisterwahl in Tel-Aviv kandidiert.


Vergrößern: linksmitterechts (Dov Khenin)

Sonderlich „neu“ sind die Ideen von Chadasch leider nicht, offenbar hat es beim Stand der Reflexion seit ihrer Gründung 1977 (das Datum wird zumindest auf Wikipedia angegeben) kaum Fortschritte gegeben: Israel als jüdischer Staat will langfristig beseitigt werden, man kooperiert mit arabischen Nationalist_innen und verspricht den Ausbau des Sozialstaates. (c)

Einen Chadasch-Aktivist, von dem mir im Vorfeld als überfittem Theorie-Crack zugeraunt wurde, durfte ich schließlich auch mit einem Aufruf zur Verteidigung des „sozialistischen Vaterlandes“ Kuba auf seinem T-Shirt kennenlernen.

Anmerkung:

a) Die Überschrift und der erste Satz nehmen Bezug auf den Roman von Theodor Herzl, dem Architekten des Zionismus. Das Buch ist online abrufbar: http://www.zionismus.info/altneuland/altneuland.htm

b) Shalom ist das hebräische, Salaam das arabische Wort für Frieden.

c) Immerhin hat die Partei die Umwelt zu ihrem Thema gemacht. Die wird in Israel bisher eher stiefmütterlich behandelt, was sich aber zwangshalber in den kommenden Jahren ändern wird. Das Land hat ein immer akuter werdendes Wasserproblem – auch wenn man das angesichts des großzügigen Umgangs mit der Ressource oft nicht merkt. Nicht zuletzt die Frage der Verteilung dieses Luxusgutes birgt dabei jede Menge Sprengstoff nicht zuletzt für den jüdisch-arabischen Konflikt.

Offene Gesprächskultur

Heute war mein erster Arbeitstag im Altersheim des Kibbutz. Wann immer ich auf die beliebte Woher-Frage vorsichtig mit Deutschland antwortete, erinnerten mich die Bewohner_innen unmittelbar daran, warum ich hier bin: Sie erzählten von ihren verschlungenen Lebenswegen und wie sie sich mit einem Kindertransport nach England oder einer frühzeitigen Ausreise nach Palästina vor dem deutschen Mordkollektiv hatten retten können.

Am Rande bekam ich, während ich eine schon recht hilfsbedürftige ältere Dame beim Pampe Runterwürgen unterstützte, ein Kennenlerngespräch zwischen einer neueren und einer alteingesessenen Bewohnerin auf Hebräisch mit. Der Tonfall klang täuschend plaudernd, vieles habe ich nicht verstanden. Wohl aber zwei Sätze, ziemlich am Anfang der Unterhaltung: „Ich war in Auschwitz, und du? In Majdanek.“

Alle, von denen ich weiß, dass sie das KZ überlebt haben, blieben vorerst mit kritisch musternden Blicken auf Distanz. Immerhin habe ich ein Jahr Zeit, diesen Abstand vorsichtig zu verringern. Vorausgesetzt, ihnen bleibt jeweils noch so viel Zeit. Meine Vorgesetzte hat mir geraten, mich auf Todesfälle einzustellen.

Versöhnliche Steinwürfe

Von Mittwoch bis Donnerstag abend (a) war Yom Kippur, der Versöhnungstag. Das ist nicht nur der wichtigste Feiertag im Judentum, sondern wird auch von vielen säkularen Jüdinnen und Juden als Ruhetag und Anlass zur Selbstreflexion wahrgenommen. Besonders penible Gläubige müssen an diesem Tag fasten, dürfen kein Leder tragen, nicht baden, keine andere Körperpflege betreiben und nichts tun, was als Arbeit interpretiert werden könnte. Dazu gehört z.B. auch die Benutzung von Fahrzeugen oder elektrischen Geräten. Wer es trotzdem wagt, an diesem Tag mit dem Auto durch Israel zu fahren, riskiert, mit Steinen beworfen zu werden. Das gilt zuweilen sogar für Krankenwägen. Die Spinnen, die Religiösen.

Ein arabischer Autofahrer in einem jüdischen Viertel von Akko wurde am Donnerstag zum Anlass von Straßenschlachten. Ein israelisch-arabischer Knesset-Abgeordneter sprach, nicht ganz uneinseitig, von einem „Pogrom ausgeführt von Juden gegen arabische Anwohner“.

Besser für mich, dass ich nun seit einer Woche in einem Kibbutz in der Nähe von Haifa wohne. In dieser semisozialistischen Blase ist Religion angenehmerweise eher weniger angesagt, weshalb mich meine Kibbutz-Parents am Mittwoch abend auch gerne zum Essen eingeladen haben. Für sie, wie auch für andere Israelis, mit denen ich darüber gesprochen habe, erhält der Tag viel von seinem Gewicht als Jahrestag des Yom-Kippur-Krieges 1973. An dem Tag, an dem in Israel alles still lag, an dem nicht einmal das Radio funktionierte, über das die Reservist_innen hätten alamiert werden können, nutzten Syrien und Ägypten den Moment der Schwäche und griffen an. Israel hat den Krieg gewonnen, selbstverständlich. Sonst wäre dieses winzige Land längst von der Landkarte verschwunden. Aber zu welchem Preis? Fast 3000 tote israelische Soldat_innen widerlegten trotz Sieg den Mythos der Unbesiegbarkeit, dem der Sechstagekrieg sechs Jahre zuvor seine Flügel verliehen hatte.
Meine Gastgeber_innen gingen soweit, das Yom-Kippur-Trauma als einen der nach wie vor entscheidensten Beweggründe für die Entscheidungen der israelischen Politik zu betrachten.

Am Sonntag, in Israel der erste Tag der Woche, werde ich mit meiner Arbeit anfangen. Diese Zeilen schreibe ich aus einer WG in Jerusalem, der ich gerade einen Kurzbesuch abstatte. Ich freue mich aber auch, heute abend wieder zurück ins Kibbutz zu fahren. Denn wo man beim Abendessen über die zu erreichende befreite Gesellschaft und linke Bewegungen in Israel plaudert, da kann ich gar nicht anders, als mich zu Hause zu fühlen.

Anmerkung:

a) Jüdische Feiertage beginnen und enden grundsätzlich Abends. Hergeleitet ist das aus der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose, wo es jeweils heißt: „Da ward aus Abend und Morgen der …te Tag.“ (zitiert nach Luther-Übersetzung)

Israelischer Alarmismus

Heute morgen um 4 Uhr hat sich aus bisher nicht geklärten Gründen die Alarmanlage des Seminarhauses dazu entschlossen, seine Insass_innen wütend aus dem Bett zu fiepen, um sich nach scheinbar erfolgreicher Entschärfung und zehn trügerisch ruhigen Minuten erneut als Drama Queen in Szene zu setzen. Diese Vorstellung fand auch die Polizei gut, deren Vertreter_innen daraufhin nicht zögerten, mit Maschinenpistolen im Anschlag die unterste Etage nach fiesen Gestalten abzusuchen.

Kritisch inspizierten sie den kläglichen, müden und verwirrten Haufen Volontär_innen in Schlafanzügen und Boxershorts, der sich im Stockwerk darüber auf der Treppe hinter der Haupteingangstür versammelt hatte. Aufgrund mangelnder Englischkenntnisse ihrerseits und zu fauler Hebräisch-Schüler_innen ihnen gegenüber konnte die Verwirrung sogar noch ein wenig gesteigert werden. Mühsam kratzte ein Beamter schließlich die Vokabeln für die Frage „Who is in charge?“ zusammen, erhielt darauf aber nur ein bedauerndes Schulterzucken als Antwort. Nachdem die Worte „false“ und „alarm“ schließlich oft genug wiederholt waren, entschieden sich die Verteidiger_innen des Gewaltmonopols des israelischen Staates schließlich dazu, mit belustigten Gesichtern abzuziehen.

Hakol beseder – alles okay

Um besorgten Nachfragen vorzubeugen: Über meinem Kopf schwirren zwar gerade auffällig häufig Helikopter vorbei, aber von dem Anschlag vor etwas mehr als einer Stunde habe auch ich nur über Online-Medien erfahren. Zum Glück ist von den 19 Verletzten, von denen die meisten offenbar IDF-Soldat_innen sind, offenbar niemand in Lebensgefahr.

Von den Engeln und den Spatzen

„Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“ schrieb Walter Benjamin 1921 in seinem lesenswerten, aber leider nur fragmentarisch erhaltenen Text „Kapitalismus als Religion“.

Ich möchte ihm in diesem Punkt widersprechen. Denn gerade in der christlichen Religion wird ihren Anhänger_innen die Schuld erst aufgeladen, damit sie gnädig wieder genommen werden kann. Das haben mir aktuell Beobachtungen in einem deutschsprachigen Gottesdienst in der Jerusalemer Erlöserkirche am vergangenen Sonntag verdeutlicht. Ein „Bekenntnis der Schuld“ hat dort seinen festen Platz im Programmheft, dessen Inhalt vor allem die ungefragt vereinnahmende Behauptung ist, „wir alle“ seien solche armen „Sünder“ und müssten den Herrgottvaterimhimmel um Verzeihung bitten.

In der Predigt nannte die Pfarrvikanin Demut als das Leitprinzip im Leben guter Christ_innen. Und in der Tat bedeutet Religion eine gegen das Selbst gewandte Demütigung, eine Übung in gedankenloser Unterwürfigkeit.

Möglich wird das durch die Verschmelzung der eigenen Interessen mit denen des religiösen Kollektivs, die sich in der gemeinsamen Halluzinierung einer übersinnlichen Erfahrung vollzieht.
Sehr deutlich illustrierten das am Sonntag die Fürbitten. Ein Vorbeter las die vermeintlich gemeinsamen Wünsche vor, die Schafherde bzw. „Gemeinde“ antwortete mit einem bedeutungsvollen Säuseln: „Herr, erhöre uns.“ So wurde „besonders für unsere palästinensischen Geschwister“, aber auch „für die Länder, aus denen wir stammen“ und explizit „Deutschland“ (sic!) um göttlichen Beistand angefragt.

Konsequenterweise durfte in der Predigt auch dieses eine gewisse Wort nicht fehlen, gegen das ich inzwischen eine Art Allergie entwickelt habe: Die Toleranz. Der Gedanke der Duldung des vermeintlich oder wirklich Anderen gehört untrennbar zur Herrschaftsideologie der bestehenden Gesellschaft. Die eigene Meinung ist demnach nur als ein unwesentliches Steinchen in einem bunten Mosaik zu betrachten und hat sich also in der Konsequenz selbst nicht ernst zu nehmen. Wie im sog. „dialektischen“ Schulaufsatz hat alles diskutabel zu sein – unabhängig von der möglichen Dummheit eines Gedankens oder den Folgen seiner Umsetzung in die Praxis.

Warum die Pfarrvikarin am vergangenen Sonntag auch die Geduld lobpreiste, macht eine eher beiläufig eingestreute Erklärung deutlich. Ihr ging es nach eigenem Bekunden darum, die Anwendung von „radikalen Mitteln“ zu vermeiden, also die gesellschaftliche Funktion von Religion zu erfüllen: Einbinden und ruhig Stellen.

Da der Glaube per Definition ein irrationales Prinzip ist, ist er auf rationaler Ebene nur schwerlich angreifbar. Wo subjektives „Fühlen“ zum objektiven Beweis erhoben wird, aber auch wo die Partei immer recht hat, da können sachliche Argumente einfach nur ins Leere gehen.

Um die Selbstironie nicht zu kurz kommen zu lassen, schließe ich für heute mit Heinrich Heine:

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

P.S.:
Von einem Mitfreiwilligen auf das Thema Homosexualität angesprochen, erklärte der Probst beim Tee danach: „Wir haben größere Probleme.“