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Die Zukunft liegt in Israel

Seit Sonnenuntergang hat nach dem jüdischen Kalender ein neues Jahr angefangen. Es fühlt sich schon besonders an, in das Jahr 5769 rutschen (a) zu können.

Ich war eben das erste mal in meinem Leben in einer Synagoge. Die Gemeinde gehört dem Reformjudentum an. Das hatte zur Folge, dass es keine geschlechtlich getrennten Bereiche und keine_n Rabbiner_in gab, sondern nur eine Kantorin und ein Gemeindemitglied, das ausgewählt worden war, zu diesem Anlass die Predigt zu halten.

Leider habe ich zwar hin und wieder einzelne Wörter, aber nicht den Zusammenhang verstanden, weshalb die Veranstaltung letztlich ähnlich langweilig war wie ein christlicher Gottesdienst.

Genug für heute. Shana tovah!

Anmerkung:

a) Der „Rutsch“ ins neue Jahr kommt vom hebräischen „Rosch HaSchana“, zu deutsch „Kopf“, d.h. Anfang „des neuen Jahres“.

Leben ohne Wutgeschenke

„I don‘t take your anger gift!“ Dieser gedachte Antwortsatz wurde beim letzten Programmpunkt am dienstäglichen Seminartag als Strategie zum Umgang mit Nervbolden in Gestalt von Vorgesetzten oder Mitbewohner_innen anempfohlen.

Der Ratgeber war der angebliche „Soziologe“ Dr. Yossi Shalev, ein schauspielerisch und psychologisch eher mäßig begabter Selbstdarsteller. Sein gezwungen selbstsicher wirkendes Lächeln bestätigte in Kombination mit seiner Sonnenstudiobräune die erste vorurteilsbedingte Kategorisierung als gealterter und gescheiterter Sunnyboy.
Seine Fähigkeit, eine einzige Luftblase über zwei Stunden auszudehnen, zwingt mich zu einem gewissen Respekt. Für meine eigene Zukunft als „Love yourself“-Guru habe ich mir auch gleich ein paar Strategien für meine kommenden, maßlos überbezahlten Seminare abgeguckt. Hier Auszüge frisch von meinem Notizblock:

1) Glaubenssätze formulieren, die so banal sind, dass ihnen jede_r rational zustimmen muss (a), ohne dass sie je jemand konsequent umsetzen könnte. Wer oft genug dazu gebracht wird, zuzustimmen, ist in einem empfänglichen Zustand – eine simple aber bewährte küchenpsychologische Weisheit.
Beispiele aus dem Vortrag:
- „Ich mag mich.“
- „Wer wütend ist, handelt unbedacht.“

2) Vordergründige Spezialisierung auf einen eingeschränkten Bereich. Zwecks Arbeitsersparnis aber im Wesentlichen auf Allgemeinplätze zurückgreifen, die sich in jeder Art von Lebensberatungsliteratur finden. Gleichzeitig meine „Ideen“ als spannende Neuigkeit und Schlüssel zu einem guten Leben (b) verkaufen.

3) Selbige mit unzähligen Geschichten illustrieren. Die Pointen dürfen ebenso banal und beliebig konstruiert sein. Um ihnen zusätzlich Authentizität zu verleihen, Urheberschaften davon angeben, die gut klingen, die aber niemand aus dem Publikum nachvollziehen kann. Die üblicherweise an meinen Seminaren interessierten armen Schweine werden sich in ihrer Verzweiflung noch am dünnsten Strohhalm festkrallen.

4) Esoterik-Gesäusel hilft, Tiefe zu simulieren. Bevorzugt auf Begriffe zurückgreifen, die den Zuhörer_innen vermutlich bekannt sind, ohne dass sie wissen dürften, was genau damit gemeint ist.
Beispiel aus dem Vortrag: „Ganzheitliche Medizin“

5) Über Beziehungsblub und Sex zu reden bringt Aufmerksamkeit. Unbedingt verbauen – egal, wie gut oder schlecht das jeweils reinpasst.

 

Anmerkungen:

(a) Gegenbeispiel: Dr. Grinsekatze ließ uns wissen, wozu er Shoa-Überlebenden gewöhnlich raten würde: „Forgive and forget.“

(b) Dieses gute Leben gibt es im falschen Ganzen bekanntlich nicht. Dass das bürgerliche Glücksversprechen trotz der Unmöglichkeit seiner Einlösung unter den bestehenden Verhältnissen beharrlich wiederholt wird, ist die Lebensgrundlage für Menschen wie Dr. Shalev.

Jerusalem …

Wenn auch noch nicht angekommen, so bin ich doch wenigstens da. In Jerusalem, für den Anfang. Zu erzählen gäbe es viel, aber ich muss meine Eindrücke erstmal verarbeiten. Vielleicht bin ich auch einfach zu faul. Jedenfalls beschränke ich mich erstmal auf ein paar kommentierte Bilder.

Zum Vergrößern anklicken
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Abflug


Ohne Worte.


Blick auf die Altstadt vom Dach eines Hauses. Das typische Äußere der Gebäude liegt zu einem erheblichen Teil an der Verwendung des „Jerusalem-Steins“ (der heißt wirklich so).


Durch die Fußgängerstraßen im muslimisch-arabischen Viertel schieben sich nach dem Gottesdienst in der Al-Aqsa-Moschee Unmengen an Menschen.



An Ständen und in Läden gibt es Unmengen an günstigen und gut schmeckenden Früchten und Gewürzen, aber auch Kleidung und jeder Menge Krempel.


IDF-Soldaten in der Altstadt. Kein ungewöhnliches Bild an diesem militarisierten Ort, wobei die Polizei noch deutlich präsenter ist. In den vergangenen Tagen sind mir immer wieder Soldat_innen begegnet, die auch in ihrer Freizeit wie selbstverständlich Maschinenpistolen tragen.

P.S.:
Der Kollege Lipstick.Israel schreibt von einem gemeinsamen Erlebnis: >>Link. Für seine Formulierungen und seine Rechtschreibung kann ich nichts.

Aber hier leben …

Auch wenn der Song anders intendiert gewesen sein mag, bleibt er mein Provinz-Soundtrack:

… und deswegen mache ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt:

Is this bass really strong enough?

Die Produktionswoche ist rum und es brechen erstmal entspanntere Tage an – Grund genug zum Feiern:

Hier klicken.
-> Mein Tipp: Vollbild und volle Lautstärke.

Fast summer

Abi, Abschied, Reise, Ankunft, Arbeit: Mir wird gerade so bald nicht langweilig. Der Tag war lang und ich bin müde (darunter werden diese Zeilen auch leiden) – aber nicht sicher, ob ich schon einschlafen kann. Zu intensiv sind die Erinnerungs-Filme an letzte Begegnungen für sehr lange Zeit, die in meinem Kopf ablaufen. Und zu groß die Spannung auf Menschen, die ich lange, teils Jahre nicht mehr gesehen habe.

Noch diese zwei Monate Berlin, dann geht es los nach Israel (und ich habe Geburtstag).

Jetzt aber genug Sentimentalität für heute.

Die ‚neue Falange‘

Meine mündliche Abi-Prüfung (15 Punkte :-) ) habe ich zum Anlass genommen, mich näher mit der aktuellen Situation in Italien zu befassen – und der Frage, ob und inwiefern es sich, so die Formulierung in meiner eingereichten Leitfrage, um eine „Renaissance des Faschismus“ handelt. Wenn ich etwas mehr Luft habe, werde ich vielleicht eine Zusammenfassung meiner Analyse ergänzen.

Hier erst einmal Zitate und Bilder als „Appetizer“:

‚Wir sind die neue Falange‘
- Silvio Berlusconi (Forza Italia)
  nach der Wahl Gianni Alemannos (Alleanza Nazionale)
  zum Bürgermeister von Rom
  (Zitat nach The Guardian, Daily Telegraph, El País, u.a.)

Wahlparty zum selben Anlass (auf einer Treppe am Rathausplatz):

Wahlparty Alemanno
Bildquelle: La Repubblica

„Es ist ein Sieg (…) über eine Mannschaft,
  die ihre Identität für Resultate geopfert hat und
  in der Neger, Muslime und Kommunisten spielen.“

- Robert Calderoli (Lega Nord)
  zum Sieg Italiens über Frankreich
  bei der Fußball-WM der Männer 2006
  (Zitat nach Spiegel Online, Der Standard, u.a.)

Vom rassistischen Mob angezündete Baracken von Roma in Ponticelli (bei Neapel):

brennende Baracken
Bildquelle: La Repubblica