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„Das ist Deutschland hier“

Schwarz-gelb ist gewählt und die nächste Sozialabbau-Welle rollt an. Die marktradikale Juniorpartei FDP kann sich ausgerechnet in Krisenzeiten über die größten Zugewinne freuen. Parteichef Guido Westerwelle gibt sich auf einer Pressekonferenz entsprechend selbstbewusst: Auf die harmlose Frage eines BBC-Reporters hin verweigert der zukünftige Außenminister eine Antwort auf englisch. Als der Journalist ihm anbietet, die Frage auf deutsch zu beantworten, sagt er: „So wie es in Großbritannien üblich ist, dass man dort selbstverständlich englisch spricht, so ist es in Deutschland üblich, dass man hier deutsch spricht.“ Youtube-Benutzer „Gegenrechts“ kommentiert: „Wenn der Westerwelle dann in der Türkei ist, spricht er hoffentlich auf Türkisch.“

P.S.:
Die Veranstaltung hatte noch ein weiteres Highlight. „Herr Westerwelle, in den letzten Monaten haben Sie sehr oft diesen einen Satz gesagt, den wir glaube ich alle schon mitsingen können: ‚Wir werden einen Koalitionsvertrag nicht unterschreiben, ohne ein einfaches, niedrigeres und gerechtes Steuersystem.‘ Können sie ihn bitte noch einmal wiederholen?“ Die Anwesenden lachen, Guido gibt wieder den Rotzlöffel: „Selbstverständlich kann ich das, aber ich tu’s jetzt nicht.“

Update: „And the Aufschwung is da“
Warum Westerwelle nicht so gerne englisch spricht, lässt sich jetzt auch auf Youtube nachvollziehen:

Krisenpop

Der Linken in Deutschland fällt zur Krise bislang außer radikalreformerischen Strohfeuern nicht viel ein, so dass auch weiter der Glaube vorherrschend bleiben wird, die Situation sei ein Produkt von „zu großer Gier“ einiger Banker.

Wenn der Staat zur Abstützung des nationalen Kapitals derweil eine Summe ausgeben muss, die den Jahreshaushalt bei weitem übersteigt, ist absehbar, wer nacher dafür wird bluten müssen. Die größten Härten sind für die Mehrheit der armen Schweine, die sich ihr Dasein mit Lohnarbeit finanzieren müssen, also noch gar nicht absehbar.

So bleibt zu fürchten, dass die bisherigen Ausdrücke von restaurativen Sehnsüchten und dem Wunsch nach einer autoritären Krisenlösung nur ein Vorgeschmack auf das sind, was uns in naher Zukunft erwarten könnte. Eine entsprechende popkulturelle Blüte stammt von Silbermond: „Irgendwas bleibt“.

Das Webzine Beatpunk schreibt dazu:

»Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit, in einer Welt in der nichts sicher scheint.« oder »Gib mir was, irgendwas das bleibt«. Oh je. Solche Zeilen singen Silbermond auf ihrer – am 20.02. erscheinenden neuen Single. Der Umgang mit der Krise führt also auch popkulturell in die restaurative Behaglichkeit. In Konfirmanden-Lyrik heißt das soviel wie: wir wollen Staat, Nation, Familie, Natur, Ursprünglichkeit, Romantik und einen festen Job. Bebildert wird der Forderungskatalog im offiziellen Video mit Riot-Szenen (wofür oder wogegen auch immer). Zwischen Pflasterregen und brennenden Autos schlendert die Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß und intoniert ihre Version von »Ein bisschen Frieden«. Als ein »kleines bisschen Sicherheit« könnte das Lied lustigerweise zum Soundtrack deutscher Sicherheitspolitik werden. Schunkeln beim CDU-Stammtisch und Feiern bei The Dome 143 schließen sich heute ja nicht [aus].

PS.:
In Israel geht die Krise als Thema neben den anhaltenden Konflikten um die palästinensischen Gebiete weitgehend unter. Während in Europa der Staatsinterventionismus wieder in Mode gekommen ist, wird mit Netanjahu voraussichtlich ein Wirtschaftsliberaler israelischer Ministerpräsident werden.

Feuerpause

Die Truppen der israelischen Armee haben sich aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen und der Waffenstillstand mit der Hamas hält bislang weitgehend (sic!). Weil im nicht-virtuellen Leben gerade viele Aufgaben auf mich warten, lege auch ich eine kleine Pause ein. Wir lesen uns.

„Spaziergang im Park“

Schon vor rund zwei Wochen sind hier in den Kibbutz in erster Linie Kinder, teils aber auch ganze Familien aus dem israelischen Süden vor den Raketen der Hamas geflüchtet. Nun ist der Terror wieder bis auf etwa 25 Kilometer Entfernung an sie herangerückt.


Bildquelle: haaretz.com

Zwei Katyusha-Raketen schlugen heute morgen im nördlich gelegenen Naharyia ein, eine davon in einem Altersheim. Glücklicherweise ist dabei niemand ums Leben gekommen.

Die Urheber des Anschlages bleiben derweil unklar, die Hizbollah hat eine Verantwortung von sich gewiesen. Vermutlich wollte eine islamistische Splittergruppe die Verhandlungsposition der Waffenbrüder von der Hamas über einen möglichen neuen Waffenstillstand mit Israel stärken und/oder eine Eskalation auch im Libanon provozieren.

Auch in Erwartung solcher Angriffe aus dem Libanon hatte die israelische Armee IDF kurz nach dem Beginn der Luftoffensive in Gaza mit der Einberufung von Reservisten begonnen. Besonders in den letzten Tagen waren die Sicherheitsmaßnahmen im Norden zudem zunehmend verstärkt worden.

Erwartungsgemäß reagierte die IDF auf die Raketen-Einschläge heute morgen unmittelbar mit einem Gegenschlag, bei dem nach Eigenangaben die Abschussstelle „punktgenau“ mit Artilleriegeschützen beschossen worden sei.

Hizbollah-Führer Hassan Nasrallah tönte schon gestern, der Libanonkrieg 2006 sei ein „Spaziergang im Park [gewesen], wenn wir ihn mit dem vergleichen, was wir für jede neue Aggression vorbereitet haben.“

P.S.:
An die seit anderthalb Wochen regelmäßig über meinen Kopf hinwegdonnernden Hubschrauber und Flugzeuge von der nahegelegenen Airbase habe ich mich inzwischen mehr oder weniger gewöhnen müssen. Trotzdem vereiteln sie jedes Mal aufs neue meine kläglichen Versuche, die Lage wenigstens eine eine kurze Zeit lang zu verdrängen.

Kurzupdate am 15. Januar:

Heute sind drei Katyusha-Raketen in Kiryat Shmona im Norden Israels eingeschlagen. Nach einigen Tagen Ruhe von dieser Seite gibt das der Angst vor einer „zweiten Front“ im Libanon neue Nahrung. Derweil stehen die Chancen für einen erneuten Waffenstillstand in Gaza zunehmend besser.

Wie das Gewitter in der Wolke

Der Text ist viel zitiert worden in den letzten Jahren und hat dadurch doch nichts an seiner Schlagkraft verloren. Die Rede ist von dem Aufsatz „Der ehrbare Antisemitismus“, den Jean Améry bereits 1969 erstmalig veröffentlichte.


Demonstration in Stuttgart am 3. Januar 2009

Darin heißt es:

Der Antisemitismus, enthalten im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke, ist wiederum ehrbar. Er kann ordinär reden, dann heisst das „Verbrecherstaat Israel“. Er kann es auf manierliche Art machen und vom „Brückenkopf des Imperialismus“ sprechen, dabei so nebstbei allenfalls in bedauerndem Tonfall hinweisen auf die missverstandene Solidarität, die so ziemlich alle Juden, von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen, an den Zwergstaat bindet […]

(Vollständiger Text: Link)

Aktuell illustrieren das die Demonstrationen in Deutschland anlässlich des anhaltenden Beschusses des Gaza-Streifens durch die israelische Armee (die Raketen auf israelische Wohngebiete blieben derweil unerwähnt).
Vergleichsweise kleine Menschenansammlungen fanden sich in den vergangenen Tagen u.a. in Berlin, Hamburg, Köln, Saarbrücken und Stuttgart ein.

Offenbar lässt die antizionistische Deutschlinke die demonstrierende palästinensische Community bisher weitgehend allein. Ob das an einem immerhin diffusen Unwohlsein angesichts der zahlreich geäußerten Sympathien für die Hamas liegt, oder doch nur einer mangelhaften Kommunikation geschuldet ist, kann ich von hier aus allerdings schlecht beurteilen.

Das linke Nachrichtenportal Indymedia bleibt sich derweil treu: Ein Interview mit dem Sprecher der Hamas wird dort nicht nur veröffentlicht, sondern sogar an prominenter Stelle in der Mittelspalte beworben: Link
Das Hauptmedium der globalisierungskritischen Bewegung macht sich also zum Sprachrohr einer Organisation, die bereits 1988 in ihrer Charta festgehalten hat:

Das jüngste Gericht wird nicht kommen, solange Moslems nicht die Juden bekämpfen und sie töten. Dann aber werden sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken, und die Steine und Bäume werden rufen: ‚Oh Moslem, ein Jude versteckt sich hinter mir, komm‘ und töte ihn.‘ (Artikel 7)

(Quelle: http://www.hagalil.com/archiv/2003/08/hamas.htm)

P.S.:
Einen Videoausschnitt aus Saarbrücken hat die Antifa Saar veröffentlicht:

P.P.S.:
Der BAK Shalom hat Vergleichbares auf der Berliner Demonstration dokumentiert:

Beißreflexe

Wann immer der Nahostkonflikt eskaliert, sind die Fronten in Deutschland von vorneherein klar: Der Querfront aus staatstragenden Konservativen und antideutschen Linken bringt ihre rassistischen Ressentiments gegen „die Palästinenser“ in Stellung, wogegen die antizionistische Querfront von linksradikalen und faschistischen Palästina-Volksfreund_innen gemeinsam mit dem bundesdeutschen Mainstream den „Kindermörder Israel“ unter Beschuss nimmt. Aktuell wird der israelische Staat dann zuweilen schonmal als per se „menschenfreundliches Land“, bzw. werden die Islamisten zu unschuldigen Opfern und zu Vertretern des „kleinen Mannes“ verklärt.

An einer nüchternen Klärung der Sachlage besteht bei derart eingeübten Reflexen kein Interesse, vielmehr wird nach Bestätigungen für die jeweilige bornierte Sicht der Dinge gesucht.

Eine recht treffende Kritik am Team Hamas findet sich in einem Video-Kommentar von Martin Heller auf der Homepage von Spiegel Online: Link

Koexistenz

„Die Shoah, was ist das?“ fragt eine erwachsene Frau von einigen zwanzig Jahren mit dem naiven Gesicht eines neugierigen Kindes. Sie lebt nicht nur in Israel, sondern arbeitet in meinem Altenheim, in dem ein Großteil der Bewohner_innen deutschsprachige Emmigrant_innen sind, die den Kibbutz ab den 1930er Jahren aus dem Nichts aufgebaut haben. Zwei von ihnen haben KZs überlebt, viele ihre Eltern, andere nahe Verwandte und Freund_innen verloren und auch sonst ein Leben voller Leid und Entbehrung hinter sich.

Auch das Wort Holocaust kann der jungen Frau zu keiner Erinnerung verhelfen. Ein älterer Teilnehmer am Kibbutz-Ausflug hat mitgehört und sichtlich verletzt. „Die Shoah“, so ruft er ihr zu, „das ist, wo die Deutschen 6 Millionen Juden umgebracht haben.“ Sie hat ihn gar nicht registriert. Als ihr schließlich auf Arabisch erklärt wird, worum es geht, versichert sie, mich nun verstanden zu haben. Ihr Gesichtsausdruck spricht noch immer eine andere Sprache.

P.S.:
Eben habe ich einen interessanten Artikel über den Betreiber eines Holocaust-Museums in Nazareth gefunden: Link. Auch wenn er mit viel Fragwürdigem zitiert wird, gehört sein Projekt wohl zu dem wenigen Hoffnungsvollen, was es zum Thema momentan zu vermelden gibt.

Unter Anderem heißt es dort:

Many Palestinians have never heard that the Nazis killed 6 million Jews during Word War II — it doesn‘t rate a mention in their school history books. Others join with the likes of Iran’s President Mahmoud Ahmedinejad in denying that the Holocaust ever happened. The Jews, according to this blinkered reasoning, are their enemies in the battle over the Holy Land, and they cannot afford to have sympathy for their enemy. Mahameed sees this view as tragically misguided. The key to the Palestinians achieving their own goals, he says, is to understand the Holocaust, and the place it holds in the Israeli psyche and its obsession with security.

Tage am Meer

Ob in Haifa, Akko oder Nahariya: Die Zeit kann ich in Israel gerade noch sehr schön am am Meer vertrödeln. Auch wenn die meisten Israelis das anders sehen und sich bei aktuell 25 Grad darüber beklagen, dass es auf den Winter zugehe.

Obwohl ich also schwer beschäftigt war mit Sonnen, Baden, Pizza essen, Lesen und Sonnenuntergänge gucken, habe ich selbst beim Strandurlaub noch etwas für den Blog getan. Das Ergebnis findet sich oben als Banner.

Offene Gesprächskultur

Heute war mein erster Arbeitstag im Altersheim des Kibbutz. Wann immer ich auf die beliebte Woher-Frage vorsichtig mit Deutschland antwortete, erinnerten mich die Bewohner_innen unmittelbar daran, warum ich hier bin: Sie erzählten von ihren verschlungenen Lebenswegen und wie sie sich mit einem Kindertransport nach England oder einer frühzeitigen Ausreise nach Palästina vor dem deutschen Mordkollektiv hatten retten können.

Am Rande bekam ich, während ich eine schon recht hilfsbedürftige ältere Dame beim Pampe Runterwürgen unterstützte, ein Kennenlerngespräch zwischen einer neueren und einer alteingesessenen Bewohnerin auf Hebräisch mit. Der Tonfall klang täuschend plaudernd, vieles habe ich nicht verstanden. Wohl aber zwei Sätze, ziemlich am Anfang der Unterhaltung: „Ich war in Auschwitz, und du? In Majdanek.“

Alle, von denen ich weiß, dass sie das KZ überlebt haben, blieben vorerst mit kritisch musternden Blicken auf Distanz. Immerhin habe ich ein Jahr Zeit, diesen Abstand vorsichtig zu verringern. Vorausgesetzt, ihnen bleibt jeweils noch so viel Zeit. Meine Vorgesetzte hat mir geraten, mich auf Todesfälle einzustellen.

Israelischer Alarmismus

Heute morgen um 4 Uhr hat sich aus bisher nicht geklärten Gründen die Alarmanlage des Seminarhauses dazu entschlossen, seine Insass_innen wütend aus dem Bett zu fiepen, um sich nach scheinbar erfolgreicher Entschärfung und zehn trügerisch ruhigen Minuten erneut als Drama Queen in Szene zu setzen. Diese Vorstellung fand auch die Polizei gut, deren Vertreter_innen daraufhin nicht zögerten, mit Maschinenpistolen im Anschlag die unterste Etage nach fiesen Gestalten abzusuchen.

Kritisch inspizierten sie den kläglichen, müden und verwirrten Haufen Volontär_innen in Schlafanzügen und Boxershorts, der sich im Stockwerk darüber auf der Treppe hinter der Haupteingangstür versammelt hatte. Aufgrund mangelnder Englischkenntnisse ihrerseits und zu fauler Hebräisch-Schüler_innen ihnen gegenüber konnte die Verwirrung sogar noch ein wenig gesteigert werden. Mühsam kratzte ein Beamter schließlich die Vokabeln für die Frage „Who is in charge?“ zusammen, erhielt darauf aber nur ein bedauerndes Schulterzucken als Antwort. Nachdem die Worte „false“ und „alarm“ schließlich oft genug wiederholt waren, entschieden sich die Verteidiger_innen des Gewaltmonopols des israelischen Staates schließlich dazu, mit belustigten Gesichtern abzuziehen.