Archiv der Kategorie 'kritische Analyse'

Cutting off the balls

Slavoj Žižek zur Frage „What does it mean to be a revolutionary today?“ beim Londoner Festival Marx 2009:

Via: Mariborchan

Wahlen in Israel

Vorgestern fanden in Israel Parlamentswahlen statt, doch die Zusammensetzung der nächsten Regierung bleibt weiter unklar. Nur eines ist sicher: Das politische Gewicht ist noch weiter nach rechts gerückt.


Kein lieber Mann: Der Parteivorsitzende von Jisrael Beitenu.
Bildquelle: Politiko

In den Umfragen zur Wahl sah es im Vorfeld lange so aus, als könnte der rechte Likud („Einigung“) mit dem Spitzenkandidaten Benjamin „Bibi“ Netanjahu klar damit rechnen, stärkste Partei zu werden. Im Ergebnis wurde er aber schließlich doch von der etwas gemäßigteren Kadima („Vorwärts“) (1) mit der Parteivorsitzenden Tzipi Livni überholt. Deren Vorsprung besteht bei 28 Parlamentssitzen aber lediglich aus einem Mandat. Noch in der Wahlnacht erklärten sowohl Livni als auch Netanjahu, sie seien vom israelischen Volk beauftragt worden, eine Regierung zu bilden.

Die Chancen, kommende Woche von Staatspräsident Schimon Peres mit der Regierungsbildung beauftragt zu werden, stehen tatsächlich deutlich besser für Netanjahu. Schließlich waren die aktuellen Neuwahlen anberaumt worden, nach dem Livni trotz Wahlsieg an dem Versuch gescheitert war, eine mehrheitsfähige Regierung zu bilden. Vor allem die Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums haben vom Gaza-Krieg profitiert und stellen zusammen eine deutliche Stimmenhoheit. Konfliktlinien würden sich da ggf. zwischen den Orthodoxen und den eher Säkularen abzeichnen.

Die Rolle des Königsmachers nimmt die mit 15 Sitzen drittstärkste Kraft ein: Jisrael Beitenu („Israel unser Haus“ (2)). Die Partei hatte im Wahlkampf vor allem mit ihrer rassistischen Kampagne punkten können: Sie wirbt für den „Transfer“ der gesamten arabischen Minderheit. Daneben steht Jisrael Beitenu für eine militärische Außenpolitik und einen starken Staat.

Sowohl Livni und Netanjahu haben deren Parteivorsitzenden Avigdor Liebermann seitdem intensiv umworben. Auf den Punkt brachte es eine Satire auf Kanal 2 (3), in dem Liebermann als mit dem „Star Wars“-Thema des notorischen Bösewichtes Darth Vader einmarschiert, flankiert von einem schwarz uniformierten Schlägertrupp mit Schäferhunden. Livni eröffnet den Flirt, indem Liebermanns angeblich „großartiges“ Aussehen lobt, woraufhin Netanjahu sich beeilt ihm zu erklären: „Du bist eine lean, mean sexmachine, wie man so sagt.“ Der lederbemäntelte Liebermann lässt daraufhin beide hinter Gittern verschwinden, um in einer Ansprache die Machtübernahme zu erklären: „Guten Morgen, Israel. Bürger, Bürger Klasse B, Bürger Klasse C – und Araber. Ich rufe den jüdischen Staat Israel Beitenu aus. Applaus!“

Hier im Kibbutz hat Liebermann sich schnell zum beliebtesten Feindbild gemausert und wird als „Faschist“ meist offensiv zurückgewiesen.
Die stärkste Unterstützung hat in der Kibbutz-Bewegung traditionell die linkssozialdemokratische Meretz („Energie“), die mit gerade einmal drei Sitzen in der Knesset (4) volkommen in der Bedeutungslosigkeit versunken ist und nun sogar von der radikaleren arabisch-jüdischen Partei Chadasch überholt wurde. Wie sich einem Aushang mit den örtlichen Wahlergebnissen am Eingang des Essenssaales entnehmen ließ, entschieden sich diesmal die größte Wählergruppe im Kibbutz für die Kadima. Viele dürfte dabei das strategische Motiv getrieben haben, eine Likud-Regierung zu verhindern und Liebermann wirksam etwas entgegen zu setzen. Letzteres dürfte sich nicht nur als ein Trugschluss erweisen, weil Livni Jisrael Beitenu gerne als Juniorpartner gewinnen würde. Auch Livni selber hatte im Wahlkampf sinngemäß erklärt, sie wolle die arabische Minderheit nach dem Erreichen einer Zweistaatenlösung gerne loswerden.

Anmerkungen:
(1) Die Kadima hat sich erst 2005 als etwas liberalere Variante vom Likud abgespalten und hielt seitdem durchgehend die Hauptrolle in den wechselnden Regierungen. Eine Ursache für die Parteigründung waren die innerparteilichen Auseinandersetzungen wegen dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen. Damals hatten sich dem Projekt auch populäre Politiker der rechtssozialdemokratischen Avoda („Arbeit“) angeschlossen.

(2) Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=j3g2-26UMXA
Übersetzung ins Englische: http://lisagoldman.net/2009/02/12/eretz-nehederet-skit-liebermans-israel-the-day-after-the-elections/

(3) Gängigste Übersetzung. Möglich wäre auch „Israel unsere Heimat“.

(4) Das Parlament des israelischen Staates.

(5) Wörtlich sagte sie: „Sobald ein palästinensischer Staat gegründet ist, kann ich zu den palästinensischen Bürgern kommen, die wir israelische Araber nennen, und zu ihnen sagen: ‚Ihr seit Bürger mit gleichen Rechten, aber die nationale Lösung für euch ist wo anders.“
(vgl.: http://www.haaretz.com/hasen/spages/1045787.html)

Blindes Vertrauen

Mit Fakten lässt sich immer noch am besten lügen. Aktuell illustrieren das eine Vielzahl von internationalen Medien mit ihrer tendenziösen Berichterstattung zu den Ereignissen rund um den Gaza-Streifen. Warum sie, auch wenn sie wollten, die Realität nie richtig abbilden könnten.

Nachrichten sind immer eine Interpretation von Ereignissen. Das gilt bereits für sog. Meldungen, die per Definition nicht kommentieren und möglichst sachlich und unparteiisch eine Übersicht der wichtigsten Fakten vermitteln sollen.

Um sie überhaupt in die Form eines Textes, oder eines Radio- oder Fernsehbeitrages bringen zu können sind eine Reihe von Fragen zu klären, die unvermeidlich zur Filterung von Informationen führen: Welche Ereignisse werden überhaupt vermeldet? Von welchen Informationen hat der_die Autor_in Kenntnis und aus welchen Quellen? Wie stark werden welche Informationen betont (Stichwort: Reihenfolge)? Von welchen Positionen dazu wird berichtet? Wer wird zitiert? Welchen Bildausschnitt wähle ich? Oder auch: Sind die aktuellen Angriffe der israelischen Luftwaffe im Gaza-Streifen eine „Reaktion“, eine „Intervention“ oder ein „Krieg“?

Wie diese Fragen beantwortet werden, entscheidet sich entsprechend der Perspektive des/der Autor_in und dessen Vorgesetzten. Dazu kommt als Faktor die Risikobereitschaft der Akteure bzw. ihr Verhalten angesichts direkten oder indirekten Drohungen (z.B.: juristisches Vorgehen, Entzug von Investitionsmasse, physische Bedrohung) oder Belohnungen (z.B.: vermehrte Arbeitsaufträge, Beförderung, inoffizielles Zweitgehalt).

Obwohl die Textbausteine sich in einem Großteil der Medienlandschaft bis ins Detail gleichen, sind Journalist_innen noch immer Menschen – also potentielle Fehlerquellen. Schlecht bezahlt und unter ständigem Zeitdruck sind sie oft nicht in der Lage, in dem Maße Nachrecherchen durchzuführen, wie es eigentlich angebracht wäre. Und vor dem Abgabetermin und dem heiß ersehnten Feierabend gerät dann auch ohne böse Absicht schnell einmal eine Null zu viel oder zu wenig in eine Zahl, wird ein Name vertauscht oder beim Kürzen ein eigentlich wichtiger Textteil gestrichen.

Nachrichten werden allzu oft als eine neutrale Darstellung von Fakten missverstanden. Und die Hauptinformationsquellen der Medien-Konsument_innen können kein gesteigertes Interesse daran haben, über dieses Missverständnis aufzuklären. Das Ergebnis ist ein problematisch unkritisches Verhältnis zur Realität. Dabei geht es, frei mit Marx, doch eben nicht nur darum, sie verschieden zu interpretieren, sondern sie endlich auch zu verändern.

Bomben über Gaza

Die monatelange Phase relativer Ruhe rund um den Gaza-Streifen ist nun bis auf weiteres vollends vorbei: Gegen 11:30 Uhr Ortszeit begann die israelische Luftwaffe heute eine umfangreiche Offensive.


Bildquelle: zeit.de

Von mehr als 170 Toten und 200 Verletzten schreibt die Onlineausgabe der israelischen Tageszeitung Ha‘aretz unter Berufung auf Quellen aus dem palästinensischen Gesundheitswesen.

Das israelische Militär gibt an, in erster Linie Einrichtungen der Hamas angegriffen zu haben. Neben Raketen-Abschussrampen und Trainingslagern waren unter den Zielen auch Polizeistationen, von denen einige in zivilen Häusern untergebracht waren.

Ha‘aretz berichtet weiter, die Armee habe betont, dass Zivilisten, die sich in der Umgebung von Abschussrampen aufhielten, oder Einrichtungen der Hamas in ihren Häusern beherbergten, selber verantwortlich seien, wenn sie verletzt würden. Zu einer solchen Äußerung gehört nun durchaus eine gehörige Portion Zynismus, unterstellt sie doch vielen mutmaßlich Unbeteiligten dabei grundsätzlich eine Wahl.

Seitdem die Hamas vergangene Woche abgelehnt hatte, eine gegen Ende ohnehin mehr formellen halbjährige Waffenruhe zu verlängern, haben islamistische palästinensische Gruppierungen verstärkt Qassam- und Katyusha-Raketen sowie Mörsergranaten auf Israel abgefeuert.
Alleine zwischen Donnerstag und Freitag waren einem Artikel der Washington Post zufolge 100 Raketen eingeschlagen.

Die ungelenkten Boden-Boden-Geschosse schlugen in den vergangen Tagen größtenteils in der Negev-Wüste ein oder führten zu begrenzten Sachschäden. Ein Israeli kam nach Angaben der Nachrichtenagentur AP aber ums Leben, vier wurden verletzt.

Diese vergleichsweise geringen Opferzahlen der fortgesetzten Angriffe auf Israel dürfen nicht über ihre Wirkung hinwegtäuschen. Nicht nur Augenzeug_innen haben unter den psychologischen Folgen der Angriffe zu leiden. Israel ist eine kollektiv traumatisierte Gesellschaft mit einem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis. Sie wurde mitbegründet von einer Generation von Shoa-Überlebenden, hat unzählige existentielle Bedrohungen (vgl. z.B. „Versöhnliche Steinwürfe“) überstehen müssen und ist mit einem fast permanenten Kriegszustand konfrontiert.

Bereits vor den aktuellen Ereignissen war eine breite Unterstützung für eine Politik der harten Hand spürbar und drückte sich beispielsweise in den regelmäßig hohen Umfragewerten für Oppositionsführer Binyamin Netanyahu aus, die ihm gute Chancen für die Wahlen am 10. Februar bescheinigen.

Nicht zuletzt mit diesem Termin in Aussicht und der Stimmung der Bevölkerung zugunsten eines Militärschlages (1) im Nacken, hatte das Sicherheitskabinett bereits am Mittwoch eine Offensive beschlossen, die schließlich am Samstag morgen vom Trio Olmert-Livni-Barak bestätigt worden war – so eine Verlautbarung des Premierminister-Büros.

Die israelische Luftwaffe dürfte ihre Angriffe in den folgenden Tagen fortsetzten. Eine folgende Bodenoffensive ist möglich, wäre aber mit drastischen Folgen verbunden. Auch mit Angriffen der Hizbollah aus dem nördlich gelegenen Libanon muss angesichts der eskalierenden Lage gerechnet werden.
Die Hamas hat die vergangenen Monate derweil offenbar dazu genutzt, ihre militärischen Fähigkeiten zu erweitern. Der Leiter des israelischen Militärgeheimdienstes Shin Bet warnte am Sonntag vergangener Woche im Kabinett davor, dass sich nun auch die Stadt Ashdod und die Außenbezirke von Beer Sheva in der Reichweite ihrer Raketen befünden.

So oder so leidet unter dem Konflikt einmal mehr die Zivilbevölkerung in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten. Ein Ausweg ist nicht in Sicht.

Anmerkungen:
(1) Ein vom Fernsehsender Channel One in Auftrag gegebene Umfrage kam am Donnerstag zu dem Ergebnis, dass 60% der Israelis ein solches Vorgehen unterstützten, während sich nur 23% dagegen wenden würden. Vgl.: http://imra.org.il/story.php3?id=41945

Altneulinks

Leider ist es kein Traum: Chadasch, zu deutsch „Neu“, das ist die ‚kommunistische‘ Partei Israels. (a)


Vergrößern: linksmitte (Zeichen der Chadasch auf einer Fahne) – rechts

Bei den Knesset-Wahlen mit +/- 3 Sitzen dümpelt die Partei regelmäßig in bedeutungsloser Wahrnehmbarkeit dahin. Auf den Listen der Partei stehen, das ist in Israel eine echte Besonderheit, sowohl jüdische als auch (und vor allem) arabische israelische Kandidat_innen. Eine größere Bedeutung hat sie daher bei anstehenden Kommunalwahlen in gemischten Städten, wo sie oft nicht selber vertreten ist, aber ihre Unterstützung für jeweilige Lokalparteien eine Rolle spielt.

Für Dienstag vergangene Woche, den ersten Tag von Sukkot, hatte die Partei in Akko zu einer Versammlung für die Koexistenz aufgerufen, wo es aufgrund von Nichtigkeiten zu mehrtägigen heftigen Auseinandersetzungen zwischen fanatisierten jüdischen und arabischen Rechten gekommen war (zum Hintergrund siehe ‚Versöhnliche Steinwürfe‘).


Vergrößern: links („Shalom = Salaam“ (b)) – mitterechts (vor der Busankunft)

Die meisten Teilnehmer_innen kamen nach meinem Eindruck aber nicht aus der Stadt selbst, sondern reisten mit Autos aus den verschiedenen Landesteilen an; ein Großteil kam mit einem Bus aus Tel-Aviv. Eine Bekanntschaft war so nett, mir die Redebeiträge im Groben synchron ins Englische zu übersetzen.

Die Ereignisse wurden geschildert und es wurde von Familien und Einzelpersonen berichtet, die sich nur knapp vor dem Mob retten konnten, deren Wohnungen bei den Riots zerstört worden waren, oder die sich aus Angst vor ihren Nachbar_innen nicht mehr zurück trauen. In dem traditionellen Sukkar-Zelt sprachen ein lokaler Kandidat von Chadasch, eine namenlose Aktivistin und Dov Khenin, ein Knesset-Abgeordneter der Partei, der für die Bürgermeisterwahl in Tel-Aviv kandidiert.


Vergrößern: linksmitterechts (Dov Khenin)

Sonderlich „neu“ sind die Ideen von Chadasch leider nicht, offenbar hat es beim Stand der Reflexion seit ihrer Gründung 1977 (das Datum wird zumindest auf Wikipedia angegeben) kaum Fortschritte gegeben: Israel als jüdischer Staat will langfristig beseitigt werden, man kooperiert mit arabischen Nationalist_innen und verspricht den Ausbau des Sozialstaates. (c)

Einen Chadasch-Aktivist, von dem mir im Vorfeld als überfittem Theorie-Crack zugeraunt wurde, durfte ich schließlich auch mit einem Aufruf zur Verteidigung des „sozialistischen Vaterlandes“ Kuba auf seinem T-Shirt kennenlernen.

Anmerkung:

a) Die Überschrift und der erste Satz nehmen Bezug auf den Roman von Theodor Herzl, dem Architekten des Zionismus. Das Buch ist online abrufbar: http://www.zionismus.info/altneuland/altneuland.htm

b) Shalom ist das hebräische, Salaam das arabische Wort für Frieden.

c) Immerhin hat die Partei die Umwelt zu ihrem Thema gemacht. Die wird in Israel bisher eher stiefmütterlich behandelt, was sich aber zwangshalber in den kommenden Jahren ändern wird. Das Land hat ein immer akuter werdendes Wasserproblem – auch wenn man das angesichts des großzügigen Umgangs mit der Ressource oft nicht merkt. Nicht zuletzt die Frage der Verteilung dieses Luxusgutes birgt dabei jede Menge Sprengstoff nicht zuletzt für den jüdisch-arabischen Konflikt.

Versöhnliche Steinwürfe

Von Mittwoch bis Donnerstag abend (a) war Yom Kippur, der Versöhnungstag. Das ist nicht nur der wichtigste Feiertag im Judentum, sondern wird auch von vielen säkularen Jüdinnen und Juden als Ruhetag und Anlass zur Selbstreflexion wahrgenommen. Besonders penible Gläubige müssen an diesem Tag fasten, dürfen kein Leder tragen, nicht baden, keine andere Körperpflege betreiben und nichts tun, was als Arbeit interpretiert werden könnte. Dazu gehört z.B. auch die Benutzung von Fahrzeugen oder elektrischen Geräten. Wer es trotzdem wagt, an diesem Tag mit dem Auto durch Israel zu fahren, riskiert, mit Steinen beworfen zu werden. Das gilt zuweilen sogar für Krankenwägen. Die Spinnen, die Religiösen.

Ein arabischer Autofahrer in einem jüdischen Viertel von Akko wurde am Donnerstag zum Anlass von Straßenschlachten. Ein israelisch-arabischer Knesset-Abgeordneter sprach, nicht ganz uneinseitig, von einem „Pogrom ausgeführt von Juden gegen arabische Anwohner“.

Besser für mich, dass ich nun seit einer Woche in einem Kibbutz in der Nähe von Haifa wohne. In dieser semisozialistischen Blase ist Religion angenehmerweise eher weniger angesagt, weshalb mich meine Kibbutz-Parents am Mittwoch abend auch gerne zum Essen eingeladen haben. Für sie, wie auch für andere Israelis, mit denen ich darüber gesprochen habe, erhält der Tag viel von seinem Gewicht als Jahrestag des Yom-Kippur-Krieges 1973. An dem Tag, an dem in Israel alles still lag, an dem nicht einmal das Radio funktionierte, über das die Reservist_innen hätten alamiert werden können, nutzten Syrien und Ägypten den Moment der Schwäche und griffen an. Israel hat den Krieg gewonnen, selbstverständlich. Sonst wäre dieses winzige Land längst von der Landkarte verschwunden. Aber zu welchem Preis? Fast 3000 tote israelische Soldat_innen widerlegten trotz Sieg den Mythos der Unbesiegbarkeit, dem der Sechstagekrieg sechs Jahre zuvor seine Flügel verliehen hatte.
Meine Gastgeber_innen gingen soweit, das Yom-Kippur-Trauma als einen der nach wie vor entscheidensten Beweggründe für die Entscheidungen der israelischen Politik zu betrachten.

Am Sonntag, in Israel der erste Tag der Woche, werde ich mit meiner Arbeit anfangen. Diese Zeilen schreibe ich aus einer WG in Jerusalem, der ich gerade einen Kurzbesuch abstatte. Ich freue mich aber auch, heute abend wieder zurück ins Kibbutz zu fahren. Denn wo man beim Abendessen über die zu erreichende befreite Gesellschaft und linke Bewegungen in Israel plaudert, da kann ich gar nicht anders, als mich zu Hause zu fühlen.

Anmerkung:

a) Jüdische Feiertage beginnen und enden grundsätzlich Abends. Hergeleitet ist das aus der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose, wo es jeweils heißt: „Da ward aus Abend und Morgen der …te Tag.“ (zitiert nach Luther-Übersetzung)

Schlachtfest

Noch bis morgen zum Sonnenuntergang wird in Israel Rosch HaSchana, also der Anfang des neuen Jahres nach dem jüdischen Kalender, gefeiert. Zu diesem Anlass werden vielerorts Äpfel mit Honig gegessen, um sich symbolisch ein „süßes Jahr“ zu wünschen. Während dieser folkloristische Brauch wohl eher in jüngerer Zeit in Mode gekommen ist, wurzelt das Blasen des Schofar an diesen Tagen in der Muttererde des Monotheismus. Der Schofar soll als rituelles Instrument aus Widderhorn an die biblische Geschichte des Opfergangs Abrahams nach Morija erinnern.


Schofar im aschkenasischen Stil. Bildquelle: Wikipedia

Darin wird Abraham von Gott angewiesen, in das Land Morija zu gehen und dort seinen einzigen Sohn Isaak zu Opfern. Der treue Befehlsempfänger tut, wie ihm geheißen:

Und als sie kamen an die Stätte, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham daselbst einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete. (a)

Weil nun Abrahams Folgsamkeit zur Genüge unter Beweis gestellt ist, kommt gerade noch rechtzeitig ein Engel angeschwebt, um Abraham vom Mord an seinem eigenen Sohn abzuhalten. Wundersamerweise ist aber prompt ein Widder zur Stelle, der nun ersatzweise als Opfer dient.

Als Grundaussage verlangt diese Geschichte also einen bedingungslosen Gehorsam gegenüber Gott, einem, ehem DEM „HERRN“ (sic!), wie das in der Lutherbibel per Großschreibung immer so penetrant hervorgehoben ist. Dieser Gehorsam geht über jedes zwischenmenschliche Empathieempfinden. Befehl ist Befehl – und wenn dabei das eigene Kind zu schlachten ist. Eine, wenn auch ungewollt, treffende Religionskritik in der Bibel. Ist das nun lustig oder traurig?

Anmerkung:

a) Mose 22, 9-10; zitiert nach einer modernisierten Version von 1912 der Lutherübersetzung von 1545

Von den Engeln und den Spatzen

„Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“ schrieb Walter Benjamin 1921 in seinem lesenswerten, aber leider nur fragmentarisch erhaltenen Text „Kapitalismus als Religion“.

Ich möchte ihm in diesem Punkt widersprechen. Denn gerade in der christlichen Religion wird ihren Anhänger_innen die Schuld erst aufgeladen, damit sie gnädig wieder genommen werden kann. Das haben mir aktuell Beobachtungen in einem deutschsprachigen Gottesdienst in der Jerusalemer Erlöserkirche am vergangenen Sonntag verdeutlicht. Ein „Bekenntnis der Schuld“ hat dort seinen festen Platz im Programmheft, dessen Inhalt vor allem die ungefragt vereinnahmende Behauptung ist, „wir alle“ seien solche armen „Sünder“ und müssten den Herrgottvaterimhimmel um Verzeihung bitten.

In der Predigt nannte die Pfarrvikanin Demut als das Leitprinzip im Leben guter Christ_innen. Und in der Tat bedeutet Religion eine gegen das Selbst gewandte Demütigung, eine Übung in gedankenloser Unterwürfigkeit.

Möglich wird das durch die Verschmelzung der eigenen Interessen mit denen des religiösen Kollektivs, die sich in der gemeinsamen Halluzinierung einer übersinnlichen Erfahrung vollzieht.
Sehr deutlich illustrierten das am Sonntag die Fürbitten. Ein Vorbeter las die vermeintlich gemeinsamen Wünsche vor, die Schafherde bzw. „Gemeinde“ antwortete mit einem bedeutungsvollen Säuseln: „Herr, erhöre uns.“ So wurde „besonders für unsere palästinensischen Geschwister“, aber auch „für die Länder, aus denen wir stammen“ und explizit „Deutschland“ (sic!) um göttlichen Beistand angefragt.

Konsequenterweise durfte in der Predigt auch dieses eine gewisse Wort nicht fehlen, gegen das ich inzwischen eine Art Allergie entwickelt habe: Die Toleranz. Der Gedanke der Duldung des vermeintlich oder wirklich Anderen gehört untrennbar zur Herrschaftsideologie der bestehenden Gesellschaft. Die eigene Meinung ist demnach nur als ein unwesentliches Steinchen in einem bunten Mosaik zu betrachten und hat sich also in der Konsequenz selbst nicht ernst zu nehmen. Wie im sog. „dialektischen“ Schulaufsatz hat alles diskutabel zu sein – unabhängig von der möglichen Dummheit eines Gedankens oder den Folgen seiner Umsetzung in die Praxis.

Warum die Pfarrvikarin am vergangenen Sonntag auch die Geduld lobpreiste, macht eine eher beiläufig eingestreute Erklärung deutlich. Ihr ging es nach eigenem Bekunden darum, die Anwendung von „radikalen Mitteln“ zu vermeiden, also die gesellschaftliche Funktion von Religion zu erfüllen: Einbinden und ruhig Stellen.

Da der Glaube per Definition ein irrationales Prinzip ist, ist er auf rationaler Ebene nur schwerlich angreifbar. Wo subjektives „Fühlen“ zum objektiven Beweis erhoben wird, aber auch wo die Partei immer recht hat, da können sachliche Argumente einfach nur ins Leere gehen.

Um die Selbstironie nicht zu kurz kommen zu lassen, schließe ich für heute mit Heinrich Heine:

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

P.S.:
Von einem Mitfreiwilligen auf das Thema Homosexualität angesprochen, erklärte der Probst beim Tee danach: „Wir haben größere Probleme.“

Mit Versöhnungskitsch durch den Dschungel

Wenn erklärte Besserwisser_innen etwas nicht verstehen, neigen sie zuweilen dazu, ihren Status durch einen wütenden Ausfall nach vorne zu verteidigen. So auch Ingo Way und Stefan Wirner in ihrem Text „Juden als nützliche Idioten“, der rätselhafterweise im Feuilleton-Teil der linken Wochenzeitung Jungle World veröffentlicht wurde.


Bildquelle: Link

Darin versuchen sie, eine Kritik an einem Essay von Stephan Grigat zu formulieren, der im Dossier-Teil der vorangegangenen Ausgabe erschienen war. Leider reicht es beim Autoren-Duo Way/Wirner aber nur zu gegenstandslosen Diffamierungen, missverstandenen Zitaten und einer Identifikation mit der bundesrepublikanischen Staatsräson.

Wer sich offen zum Besserwissertum bekennt, sollte tatsächlich auch etwas besser wissen. Peinlich wird es nämlich, wenn auf einen Satz, wie

Das demonstrative Desinteresse an jüdischer Religion schlägt sich denn auch in fundamen­taler Unkenntnis nieder.

die eigene „fundamentale Unkenntnis“ offengelegt wird:

Denn der Messianismus ist mitnichten wesentlich für das Judentum, das eine Religion der Tora und nicht der Endzeit­erwartung ist. In manchen Sekten innerhalb des Judentums spielte das messianische Element zwar bisweilen eine Rolle, es wurde aber nie zum Mainstream.

Und auch sonst ist dem Text anzumerken, dass er schnell aus der Hüfte geschossen ist. So heißt es darin z.B.:

Um Juden geht es im antideutschen Denken nur bedingt, wie Grigat betont. Denn es handelt sich um »eine Kritik, die sich für Juden als Juden nur insofern interessiert, als sie Opfer des Antisemitismus waren und sind. Zu ihrem ›Jüdisch-Sein‹ – und das grenzt sie von philosemitischen Anwandlungen deutlich ab – hat sie ebenso wenig zu sagen wie zur jüdischen Kultur und Tradition.« Juden sind nur als Opfer von Interesse – und nicht als handelnde Menschen, geschweige denn als religiöse. Die Kursivierung des Wörtchens »als« soll nur kaschieren, was nicht zu kaschieren ist.

Grigat ging es in dem zitierten Satz nun aber nicht darum, grundsätzlich jede Beschäftigung mit „jüdische Kultur und Tradition“ zu diskreditieren, sondern vielmehr zu verdeutlichen, dass sie für eine Gesellschaftskritik nicht nutzbar zu machen ist.

Als Produkt des selben Irrtums wird aus dem Satz

Und der eine oder die andere Antideutsche jüngeren Semesters sollte besser Adorno lesen als eifrig Hebräisch zu pauken.

ein Aufruf zum „Boykott von Hebräisch-Kursen“.

Mit einem Vokabular, das an einen Verfassungsschutzbericht erinnert, kämpfen sich die Beiden durch den Ideen-Dschungel Stephan Grigats. Den Antideutschen wird zum Vorwurf gemacht, dass sie „antidemokratisch“, „linksextremistisch“ und „totalitär“ seien. Dabei machen sich die Autoren ein seltendämliches Konstrukt zu eigen, in dem alles links und rechts der goldenen demokratischen „Mitte“ gleichermaßen menschenfeindlich und Nazis und Linksradikale doch irgendwie alle das selbe sind.

Allen Ernstes echauffieren sich diese zwei lupenreinen Staatsfans darüber, dass der durchschnittliche Antideutsche

die Bundesrepublik und ihr demokratisches System abgrundtief hasst

und dass

diese linke deut­sche Strömung […] nur auf die Abschaffung von Marktwirtschaft und Demo­kratie hinaus will …

Welch schlimme Fürchterlichkeit! Welche neue Entdeckung! Eine linksradikale „Strömung“ zielt doch tatsächlich auf die Überwindung einer Gesellschaft, die Zumutungen wie Konkurrenzzwang und Leistungsprinzip, Gewinner und Verlierer_innen und die Zurichtung zu Staatsbürger_innen in nationalen Zwangskollektiven kennt. Aber es kommt noch ärger:

… und Versöhnung und Religiö­sität zutiefst verabscheut.

Für liberale Meinungssoldaten im Abwehrkampf gegen den „Extremismus“ ist es in der Tat folgerichtig, auch die Religion für ein schützenswertes Gut zu halten. Schließlich bleibt der „Kampf gegen die Religion […] mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist“ (Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie).

Von geradezu grenzenloser Ignoranz zeugt aber die Verwendung des Wortes „Versöhnung“ im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Geschichte. Auf diese Weise werden Täter und Opfer umgelogen zu gleichberechtigten Partnern in einem Prozess der Überwindung früherer gegenseitiger Differenzen. Schließlich entblöden sich die Autoren nicht, die Shoa implizit als Betriebsunfall im deutsch-jüdischen Joint-Venture zu verniedlichen. Sie schreiben von dem

Versuch der Deut­schen und der Juden, nach dem Holocaust ein neues Kapitel in der deutsch-jüdischen G­e­schich­te aufzuschlagen

Sollte es bei der Veröffentlichung des Textes „Juden als nützliche Idioten“ um die Erregung von Aufmerksamkeit gegangen sein, so wird dieses Vorhaben mit Erfolg belohnt werden. Das dürfte aber weder den Autoren noch dem Medium gut bekommen.

P.S.:
Nun war also doch jemand schneller: Wartezeit überbrücken …

P.P.S.:
Die Jungle World hat eine „Disko“ draus gemacht. Hier die Antwort von Gerhard Scheit: Eliminierung der Widersprüche

Gewichtiges Problem in South LA

Der internationalen Presse nach zu urteilen, gibt es in den Ghettos im Süden von Los Angeles eigentlich nur ein gravierendes Problem: Die widerspenstige Unterschicht ernährt sich zu ungesund. Eine aktuelle Studie befindet jedes vierte Kind in diesen Gegenden für zu dick, in LA insgesamt jedes dritte. Stadträtin Jan Perry weiß um die Folgen: „Der Nebeneffekt einer dauerhaften Ernährung mit Fast Food ist, dass die Gesellschaft langfristig die Gesundheitskosten tragen muss.“

Weil der soziale Bodensatz nicht weiß, welches Essen gut für ihn und vor allem für das Gemeinwesen ist, hilft ihm der Staat nun bei der Entscheidung. Einen „Sieg für die Menschen von South Los Angeles” nannte Perry die Annahme ihres Vorschlages, in dem Gebiet ein einjähriges Verbot für die Eröffnung neuer Schnellimbisse zu verhängen. Nun sei eine aggressive Werbung um Anbieter von „guten gesunden Alternativen“ notwendig.

Die sind allerdings für immer weniger Menschen bezahlbar. In der Folge der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession sind die Lebenshaltungskosten in den USA so schnell gestiegen, wie seit 1991 nicht mehr. „Wir profitieren von dem Druck, den die Leute hinsichtlich ihres verfügbaren Einkommens verspüren“, sagte Burger-King-Chef John W. Chidsey im April dem Wall Street Journal. „Die Leute können es sich nicht leisten, zu Applebee’s zu gehen oder zu Chili’s.“ Und greifen notgedrungen zu den Ein-Dollar-Menüs bei McDonald’s, Burger King oder Wendy’s.

Fast-Food „ist die einzige Branche, die in South LA sein möchte“ erklärte der Sprecher der California Restaurant Association, Andrew Casana. „Restaurants mit Sitzgelegenheiten wollen sich dort nicht ansiedeln. Sonst wären sie dort.”

Der Soziologe Barry Glassner von der University of Southern California warnt zudem davor, „bestimmten Gruppen in der Bevölkerung vorzuschreiben, was sie zu essen haben“. Dies sei „bevormundend und herabwürdigend“.