Archiv der Kategorie 'fiese Polemik'

Beißreflexe

Wann immer der Nahostkonflikt eskaliert, sind die Fronten in Deutschland von vorneherein klar: Der Querfront aus staatstragenden Konservativen und antideutschen Linken bringt ihre rassistischen Ressentiments gegen „die Palästinenser“ in Stellung, wogegen die antizionistische Querfront von linksradikalen und faschistischen Palästina-Volksfreund_innen gemeinsam mit dem bundesdeutschen Mainstream den „Kindermörder Israel“ unter Beschuss nimmt. Aktuell wird der israelische Staat dann zuweilen schonmal als per se „menschenfreundliches Land“, bzw. werden die Islamisten zu unschuldigen Opfern und zu Vertretern des „kleinen Mannes“ verklärt.

An einer nüchternen Klärung der Sachlage besteht bei derart eingeübten Reflexen kein Interesse, vielmehr wird nach Bestätigungen für die jeweilige bornierte Sicht der Dinge gesucht.

Eine recht treffende Kritik am Team Hamas findet sich in einem Video-Kommentar von Martin Heller auf der Homepage von Spiegel Online: Link

Bloggen. Blubbern.

Warum ich nicht mehr schriebe, wird gefragt. Das Einschlafen des Blogprojekts bedauert. Natürlich imponiert mir das, wirft aber auch ein paar Fragen auf. Ich werde hier nicht versuchen, sie zur Gänze zu beantworten und es bei ein paar polemische Spitzen dazu belassen. Wer möchte, darf im Hintergrund auch eine leise Selbstkritik vermuten.

Die meisten Blogs leben davon, dass sie möglichst regelmäßig mit Inhalt gefüttert werden. Immerhin haben ihre Autor_innen in erster Linie ein Ziel: Aufmerksamkeit. Sinken nun die Zugriffszahlen auf Selbstbestätigungstrips, exhibitionistisch ausgebreitete Details aus dem Sexualleben oder den Link zum aktuell angesagtesten Youtube-Link, so gerät der Blog in die Krise.

Doch zum Glück gibt es ein paar brandheiße Top-Tipps zum Thema Krisenmanagement: Die jeweilige Selbstdarstellungsplattform ist zunächst einmal exzessiv zu nutzen. Schließlich wollen die Leser_innen den Stoff schnell und in großen Mengen. Der Umweg über den Kopf darf dabei zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit gerne wegrationalisiert werden. Mit anderen Worten: Grütze schreiben. Und noch mehr Grütze.
Der zweite Schritt ist das Setzen von Duftmarken bei den aktuell angesagtesten Blogs. Keine Angst: Deren Kommentarspalten müssen nun nicht gleich mit sinnvollen Beiträgen gefüllt werden. Auf die Auffälligkeit kommt es an. Und natürlich den Link zum eigenen Blog.

P.S.:
Spezial-Tipp für Polit-Blogger: Eine Polemik gegen den Gegenstandpunkt schreiben, Popcorn in die Mikrowelle stellen und zurücklehnen. Wer gemeint ist, versteht mich.

Mob in Action

Lieber Kollege Edward E. Nigma vom Bad Blog,

zuweilen produzierst du im positiven Sinne interessante Beiträge, sonst würde ich mir hier die Mühe einer negativen Kommentierung nicht machen.

Du schreibst in deinem Beitrag Mob? Action!:

Und siehe da, in der aktuellen Ausgabe der linken Wochenzeitung Jungle World gibt man sich die journalistische Ehre, nicht nur meinen Namen falsch zu schreiben, sondern 4 Wochen nach dem Sturm im virtuellen Wasserglas, ein mittelmässiges Talent mit einem einfallslosen Pseudonym sein Erstlingswerk dahinzukritzeln zu lassen. Tight alta!

Eine Antwort bleib ich bestimmt nicht schuldig, vorerst muß ich und meine Querfrontkumpels aber noch für unsere nächste Auswärtsfahrt etwas textsicherer werden… Bis dahin: Peace out!

Bevor du dein Vorhaben ausfühst, solltest du dir besser erst einmal den Schaum vom Mund wischen.

Ich finde es immer erstaunlich, was Kriegspielen im Fußballstadion aus oberflächlich reflektiert scheinenden Menschen so alles hervorzuholen vermag. Beispielhaft exerzierst du das vor in deinem Beitrag Heult doch! Scheiß St. Paulianer…und deinen eigenen Kommentaren darunter.

Da findest du “schwul” als Schimpfwort auf gar nicht homophob, weil man das halt so macht. Und bei der Erwiderung auf Gensing fällt dir offenbar nicht einmal auf, warum er mit “asozial” evtl. auch ein Problem haben könnte.
Du postest unrelativiert ein Zitat, in dem vom “Volkseigentum Fußball” schwadroniert und zur “Verteidigung der Heimat gegen globalisierten Entertainment-Sport” aufgerufen wird. Du glaubst, offenbar ein Ergebnis deiner identitären Selbstverortung, dich bei Rumgedisse gegen Ostdeutschland persönlich angegriffen fühlen zu müssen.

Es gibt einen fast schon totzitierten Satz von Mark Twain, der da heißt

Whenever you find yourself on the side of the majority, it is time to pause and reflect.

Ich weiß, du siehst dich als Teil einer Minderheit, nämlich der der “Unangepassten in diesem Land” – einer gewaltgeilen Männergemeinschaft, in der du dich sowohl Nazis als auch unpolitischen Hooligan-Dumpfbacken verbunden fühlst. Den zweiten Teil des Zitates könntest du dir aber durchaus zu Herzen nehmen.

Update:

Bad-blog.com ist an den Auseinandersetzungen um den Beitrag eingegangen.

Diese Entscheidung wurde getroffen, nachdem offenbar mit rechtlichen Schritten gedroht worden war.

Um nachvollziehen zu können, worum es eigentlich ging, sei auf den Cache von Planet Dissi verwiesen: Link

Leben ohne Wutgeschenke

„I don‘t take your anger gift!“ Dieser gedachte Antwortsatz wurde beim letzten Programmpunkt am dienstäglichen Seminartag als Strategie zum Umgang mit Nervbolden in Gestalt von Vorgesetzten oder Mitbewohner_innen anempfohlen.

Der Ratgeber war der angebliche „Soziologe“ Dr. Yossi Shalev, ein schauspielerisch und psychologisch eher mäßig begabter Selbstdarsteller. Sein gezwungen selbstsicher wirkendes Lächeln bestätigte in Kombination mit seiner Sonnenstudiobräune die erste vorurteilsbedingte Kategorisierung als gealterter und gescheiterter Sunnyboy.
Seine Fähigkeit, eine einzige Luftblase über zwei Stunden auszudehnen, zwingt mich zu einem gewissen Respekt. Für meine eigene Zukunft als „Love yourself“-Guru habe ich mir auch gleich ein paar Strategien für meine kommenden, maßlos überbezahlten Seminare abgeguckt. Hier Auszüge frisch von meinem Notizblock:

1) Glaubenssätze formulieren, die so banal sind, dass ihnen jede_r rational zustimmen muss (a), ohne dass sie je jemand konsequent umsetzen könnte. Wer oft genug dazu gebracht wird, zuzustimmen, ist in einem empfänglichen Zustand – eine simple aber bewährte küchenpsychologische Weisheit.
Beispiele aus dem Vortrag:
- „Ich mag mich.“
- „Wer wütend ist, handelt unbedacht.“

2) Vordergründige Spezialisierung auf einen eingeschränkten Bereich. Zwecks Arbeitsersparnis aber im Wesentlichen auf Allgemeinplätze zurückgreifen, die sich in jeder Art von Lebensberatungsliteratur finden. Gleichzeitig meine „Ideen“ als spannende Neuigkeit und Schlüssel zu einem guten Leben (b) verkaufen.

3) Selbige mit unzähligen Geschichten illustrieren. Die Pointen dürfen ebenso banal und beliebig konstruiert sein. Um ihnen zusätzlich Authentizität zu verleihen, Urheberschaften davon angeben, die gut klingen, die aber niemand aus dem Publikum nachvollziehen kann. Die üblicherweise an meinen Seminaren interessierten armen Schweine werden sich in ihrer Verzweiflung noch am dünnsten Strohhalm festkrallen.

4) Esoterik-Gesäusel hilft, Tiefe zu simulieren. Bevorzugt auf Begriffe zurückgreifen, die den Zuhörer_innen vermutlich bekannt sind, ohne dass sie wissen dürften, was genau damit gemeint ist.
Beispiel aus dem Vortrag: „Ganzheitliche Medizin“

5) Über Beziehungsblub und Sex zu reden bringt Aufmerksamkeit. Unbedingt verbauen – egal, wie gut oder schlecht das jeweils reinpasst.

 

Anmerkungen:

(a) Gegenbeispiel: Dr. Grinsekatze ließ uns wissen, wozu er Shoa-Überlebenden gewöhnlich raten würde: „Forgive and forget.“

(b) Dieses gute Leben gibt es im falschen Ganzen bekanntlich nicht. Dass das bürgerliche Glücksversprechen trotz der Unmöglichkeit seiner Einlösung unter den bestehenden Verhältnissen beharrlich wiederholt wird, ist die Lebensgrundlage für Menschen wie Dr. Shalev.

Von den Engeln und den Spatzen

„Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“ schrieb Walter Benjamin 1921 in seinem lesenswerten, aber leider nur fragmentarisch erhaltenen Text „Kapitalismus als Religion“.

Ich möchte ihm in diesem Punkt widersprechen. Denn gerade in der christlichen Religion wird ihren Anhänger_innen die Schuld erst aufgeladen, damit sie gnädig wieder genommen werden kann. Das haben mir aktuell Beobachtungen in einem deutschsprachigen Gottesdienst in der Jerusalemer Erlöserkirche am vergangenen Sonntag verdeutlicht. Ein „Bekenntnis der Schuld“ hat dort seinen festen Platz im Programmheft, dessen Inhalt vor allem die ungefragt vereinnahmende Behauptung ist, „wir alle“ seien solche armen „Sünder“ und müssten den Herrgottvaterimhimmel um Verzeihung bitten.

In der Predigt nannte die Pfarrvikanin Demut als das Leitprinzip im Leben guter Christ_innen. Und in der Tat bedeutet Religion eine gegen das Selbst gewandte Demütigung, eine Übung in gedankenloser Unterwürfigkeit.

Möglich wird das durch die Verschmelzung der eigenen Interessen mit denen des religiösen Kollektivs, die sich in der gemeinsamen Halluzinierung einer übersinnlichen Erfahrung vollzieht.
Sehr deutlich illustrierten das am Sonntag die Fürbitten. Ein Vorbeter las die vermeintlich gemeinsamen Wünsche vor, die Schafherde bzw. „Gemeinde“ antwortete mit einem bedeutungsvollen Säuseln: „Herr, erhöre uns.“ So wurde „besonders für unsere palästinensischen Geschwister“, aber auch „für die Länder, aus denen wir stammen“ und explizit „Deutschland“ (sic!) um göttlichen Beistand angefragt.

Konsequenterweise durfte in der Predigt auch dieses eine gewisse Wort nicht fehlen, gegen das ich inzwischen eine Art Allergie entwickelt habe: Die Toleranz. Der Gedanke der Duldung des vermeintlich oder wirklich Anderen gehört untrennbar zur Herrschaftsideologie der bestehenden Gesellschaft. Die eigene Meinung ist demnach nur als ein unwesentliches Steinchen in einem bunten Mosaik zu betrachten und hat sich also in der Konsequenz selbst nicht ernst zu nehmen. Wie im sog. „dialektischen“ Schulaufsatz hat alles diskutabel zu sein – unabhängig von der möglichen Dummheit eines Gedankens oder den Folgen seiner Umsetzung in die Praxis.

Warum die Pfarrvikarin am vergangenen Sonntag auch die Geduld lobpreiste, macht eine eher beiläufig eingestreute Erklärung deutlich. Ihr ging es nach eigenem Bekunden darum, die Anwendung von „radikalen Mitteln“ zu vermeiden, also die gesellschaftliche Funktion von Religion zu erfüllen: Einbinden und ruhig Stellen.

Da der Glaube per Definition ein irrationales Prinzip ist, ist er auf rationaler Ebene nur schwerlich angreifbar. Wo subjektives „Fühlen“ zum objektiven Beweis erhoben wird, aber auch wo die Partei immer recht hat, da können sachliche Argumente einfach nur ins Leere gehen.

Um die Selbstironie nicht zu kurz kommen zu lassen, schließe ich für heute mit Heinrich Heine:

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

P.S.:
Von einem Mitfreiwilligen auf das Thema Homosexualität angesprochen, erklärte der Probst beim Tee danach: „Wir haben größere Probleme.“

Mit Versöhnungskitsch durch den Dschungel

Wenn erklärte Besserwisser_innen etwas nicht verstehen, neigen sie zuweilen dazu, ihren Status durch einen wütenden Ausfall nach vorne zu verteidigen. So auch Ingo Way und Stefan Wirner in ihrem Text „Juden als nützliche Idioten“, der rätselhafterweise im Feuilleton-Teil der linken Wochenzeitung Jungle World veröffentlicht wurde.


Bildquelle: Link

Darin versuchen sie, eine Kritik an einem Essay von Stephan Grigat zu formulieren, der im Dossier-Teil der vorangegangenen Ausgabe erschienen war. Leider reicht es beim Autoren-Duo Way/Wirner aber nur zu gegenstandslosen Diffamierungen, missverstandenen Zitaten und einer Identifikation mit der bundesrepublikanischen Staatsräson.

Wer sich offen zum Besserwissertum bekennt, sollte tatsächlich auch etwas besser wissen. Peinlich wird es nämlich, wenn auf einen Satz, wie

Das demonstrative Desinteresse an jüdischer Religion schlägt sich denn auch in fundamen­taler Unkenntnis nieder.

die eigene „fundamentale Unkenntnis“ offengelegt wird:

Denn der Messianismus ist mitnichten wesentlich für das Judentum, das eine Religion der Tora und nicht der Endzeit­erwartung ist. In manchen Sekten innerhalb des Judentums spielte das messianische Element zwar bisweilen eine Rolle, es wurde aber nie zum Mainstream.

Und auch sonst ist dem Text anzumerken, dass er schnell aus der Hüfte geschossen ist. So heißt es darin z.B.:

Um Juden geht es im antideutschen Denken nur bedingt, wie Grigat betont. Denn es handelt sich um »eine Kritik, die sich für Juden als Juden nur insofern interessiert, als sie Opfer des Antisemitismus waren und sind. Zu ihrem ›Jüdisch-Sein‹ – und das grenzt sie von philosemitischen Anwandlungen deutlich ab – hat sie ebenso wenig zu sagen wie zur jüdischen Kultur und Tradition.« Juden sind nur als Opfer von Interesse – und nicht als handelnde Menschen, geschweige denn als religiöse. Die Kursivierung des Wörtchens »als« soll nur kaschieren, was nicht zu kaschieren ist.

Grigat ging es in dem zitierten Satz nun aber nicht darum, grundsätzlich jede Beschäftigung mit „jüdische Kultur und Tradition“ zu diskreditieren, sondern vielmehr zu verdeutlichen, dass sie für eine Gesellschaftskritik nicht nutzbar zu machen ist.

Als Produkt des selben Irrtums wird aus dem Satz

Und der eine oder die andere Antideutsche jüngeren Semesters sollte besser Adorno lesen als eifrig Hebräisch zu pauken.

ein Aufruf zum „Boykott von Hebräisch-Kursen“.

Mit einem Vokabular, das an einen Verfassungsschutzbericht erinnert, kämpfen sich die Beiden durch den Ideen-Dschungel Stephan Grigats. Den Antideutschen wird zum Vorwurf gemacht, dass sie „antidemokratisch“, „linksextremistisch“ und „totalitär“ seien. Dabei machen sich die Autoren ein seltendämliches Konstrukt zu eigen, in dem alles links und rechts der goldenen demokratischen „Mitte“ gleichermaßen menschenfeindlich und Nazis und Linksradikale doch irgendwie alle das selbe sind.

Allen Ernstes echauffieren sich diese zwei lupenreinen Staatsfans darüber, dass der durchschnittliche Antideutsche

die Bundesrepublik und ihr demokratisches System abgrundtief hasst

und dass

diese linke deut­sche Strömung […] nur auf die Abschaffung von Marktwirtschaft und Demo­kratie hinaus will …

Welch schlimme Fürchterlichkeit! Welche neue Entdeckung! Eine linksradikale „Strömung“ zielt doch tatsächlich auf die Überwindung einer Gesellschaft, die Zumutungen wie Konkurrenzzwang und Leistungsprinzip, Gewinner und Verlierer_innen und die Zurichtung zu Staatsbürger_innen in nationalen Zwangskollektiven kennt. Aber es kommt noch ärger:

… und Versöhnung und Religiö­sität zutiefst verabscheut.

Für liberale Meinungssoldaten im Abwehrkampf gegen den „Extremismus“ ist es in der Tat folgerichtig, auch die Religion für ein schützenswertes Gut zu halten. Schließlich bleibt der „Kampf gegen die Religion […] mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist“ (Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie).

Von geradezu grenzenloser Ignoranz zeugt aber die Verwendung des Wortes „Versöhnung“ im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Geschichte. Auf diese Weise werden Täter und Opfer umgelogen zu gleichberechtigten Partnern in einem Prozess der Überwindung früherer gegenseitiger Differenzen. Schließlich entblöden sich die Autoren nicht, die Shoa implizit als Betriebsunfall im deutsch-jüdischen Joint-Venture zu verniedlichen. Sie schreiben von dem

Versuch der Deut­schen und der Juden, nach dem Holocaust ein neues Kapitel in der deutsch-jüdischen G­e­schich­te aufzuschlagen

Sollte es bei der Veröffentlichung des Textes „Juden als nützliche Idioten“ um die Erregung von Aufmerksamkeit gegangen sein, so wird dieses Vorhaben mit Erfolg belohnt werden. Das dürfte aber weder den Autoren noch dem Medium gut bekommen.

P.S.:
Nun war also doch jemand schneller: Wartezeit überbrücken …

P.P.S.:
Die Jungle World hat eine „Disko“ draus gemacht. Hier die Antwort von Gerhard Scheit: Eliminierung der Widersprüche

Gewichtiges Problem in South LA

Der internationalen Presse nach zu urteilen, gibt es in den Ghettos im Süden von Los Angeles eigentlich nur ein gravierendes Problem: Die widerspenstige Unterschicht ernährt sich zu ungesund. Eine aktuelle Studie befindet jedes vierte Kind in diesen Gegenden für zu dick, in LA insgesamt jedes dritte. Stadträtin Jan Perry weiß um die Folgen: „Der Nebeneffekt einer dauerhaften Ernährung mit Fast Food ist, dass die Gesellschaft langfristig die Gesundheitskosten tragen muss.“

Weil der soziale Bodensatz nicht weiß, welches Essen gut für ihn und vor allem für das Gemeinwesen ist, hilft ihm der Staat nun bei der Entscheidung. Einen „Sieg für die Menschen von South Los Angeles” nannte Perry die Annahme ihres Vorschlages, in dem Gebiet ein einjähriges Verbot für die Eröffnung neuer Schnellimbisse zu verhängen. Nun sei eine aggressive Werbung um Anbieter von „guten gesunden Alternativen“ notwendig.

Die sind allerdings für immer weniger Menschen bezahlbar. In der Folge der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession sind die Lebenshaltungskosten in den USA so schnell gestiegen, wie seit 1991 nicht mehr. „Wir profitieren von dem Druck, den die Leute hinsichtlich ihres verfügbaren Einkommens verspüren“, sagte Burger-King-Chef John W. Chidsey im April dem Wall Street Journal. „Die Leute können es sich nicht leisten, zu Applebee’s zu gehen oder zu Chili’s.“ Und greifen notgedrungen zu den Ein-Dollar-Menüs bei McDonald’s, Burger King oder Wendy’s.

Fast-Food „ist die einzige Branche, die in South LA sein möchte“ erklärte der Sprecher der California Restaurant Association, Andrew Casana. „Restaurants mit Sitzgelegenheiten wollen sich dort nicht ansiedeln. Sonst wären sie dort.”

Der Soziologe Barry Glassner von der University of Southern California warnt zudem davor, „bestimmten Gruppen in der Bevölkerung vorzuschreiben, was sie zu essen haben“. Dies sei „bevormundend und herabwürdigend“.

Alptraum im deutschen Blätterwald:
Der „Kaninchen-Killer“ geht um

Vorbemerkung: Wer in diesem oder anderen Beiträgen Ähnlichkeiten zu Texten in anderen Medien findet, darf sie behalten. Wenn, dann habe ich da nur bei mir selbst geklaut. Alle im Original englischen Zitate sind übersetzt.


Bildquelle: BBC News

Es gibt Orte im Ruhrgebiet, die aussehen, als kämen sie direkt aus einem deutschen Märchen. Aber hier entwickelt sich ein Alptraum, der Angst in der Gemeinde verbreitet.

So beginnt ein augenzwinkernder Bericht von BBC News über eine abstruse Serie von Tiertötungen in den vergangenen Monaten. 30 Kaninchen soll ein_e noch unbekannte_r Täter_in in den vergangenen Monaten aus ihren Außen­gehegen entführt und enthauptet haben.
„Er füllt das Blut vielleicht in eine Box oder eine Flasche und bringt es weg. Und den Kopf auch.“ So schildert Polizeisprecher Volker Schütte in echt deutschem Englisch das Vorgehen des „Killers“ gegenüber BBC.

Der Beitrag der britischen Reporter_innen darf durchaus als ironischer Seitenhieb nicht nur auf deutsche Befindlichkeiten, sondern vor allem auch auf deren Niederschlag im medialen Blätterwald verstanden werden. Die selten dämliche Bezeichnung „Kaninchen-Killer“ wurde zum stehenden Begriff in den diversen Lokal- und Boulevardblättchen, die damit offenbar ihr Sommerloch zu stopfen versuchten. Dabei zitierten sie zwecks Dramatisierung gerne diverse abgedrehte Tierfreunde, die sich mit wahrer Leidenschaft einer der liebsten Volkssportarten der Deutschen widmeten: Abwegige Theorien über blutrünstige Verschwörungen aufstellen.

So heißt es in einem Artikel zum Thema von der Westdeutschen Zeitung:

Für Erika Scheffer, Vorsitzende des Dortmunder Tierschutzvereins, steht fest: „Das waren Perverse, die das Blut für Satansmessen verwenden.“

Im Internet, wo zugegeben mit ein paar Minuten Suchmaschinen-Recherche ausnahmslos jeder Blödsinn zu finden ist, geben sich deutsche Kaninchen-Liebhaber deutlich zwangloser ihren Fantasien hin. Zum Beispiel in einem Forum, das sich mit der Behauptung „Wir retten Kaninchen“ bewirbt. An „Islamisten und Juden“ denkt dort ein gewisser Flocke – wegen der „Art (…) des Schlachtens“. Auch bei Sylke funktionieren die bekannten Reflexe gut:

Solche Typen müssten echt härter bestraft werden, wenn sie die überhaupt bekommen.

Weder sind „die Typen“ (Woher kennt sie denn deren Geschlecht? Verdächtig …) gefasst, noch weiß Sylke vermutlich, was für eine Strafe ihnen in diesem Fall blühen würde. Wie auch der gute Obama weiß, ist dem aufgebrachten Mob eben prinzipiell alles unter Todesstrafe zu wenig, um „das volle Ausmaß der Empörung zum Ausdruck zu bringen“ (Zitat inkl. Zusammenhang aus dem Buch zu seiner Wahlkampagne).

Oft und gerne wird bei der Polizei über Per­sonalmangel geklagt, für diesen Fall hat sie offenbar eine mehrköpfige Sonderkommission gebildet. Außerdem hat auch Team Green eine äußerst schlüssige Theorie anzubieten: „Die Polizei befürchtet, der Killer könnte vom Töten von Kaninchen zum Töten von Menschen übergehen.“ (BBC)

Hier geht es zum Video von BBC: >>Link
Und hier zum entsprechenden Text: >>Link

Die ‚neue Falange‘

Meine mündliche Abi-Prüfung (15 Punkte :-) ) habe ich zum Anlass genommen, mich näher mit der aktuellen Situation in Italien zu befassen – und der Frage, ob und inwiefern es sich, so die Formulierung in meiner eingereichten Leitfrage, um eine „Renaissance des Faschismus“ handelt. Wenn ich etwas mehr Luft habe, werde ich vielleicht eine Zusammenfassung meiner Analyse ergänzen.

Hier erst einmal Zitate und Bilder als „Appetizer“:

‚Wir sind die neue Falange‘
- Silvio Berlusconi (Forza Italia)
  nach der Wahl Gianni Alemannos (Alleanza Nazionale)
  zum Bürgermeister von Rom
  (Zitat nach The Guardian, Daily Telegraph, El País, u.a.)

Wahlparty zum selben Anlass (auf einer Treppe am Rathausplatz):

Wahlparty Alemanno
Bildquelle: La Repubblica

„Es ist ein Sieg (…) über eine Mannschaft,
  die ihre Identität für Resultate geopfert hat und
  in der Neger, Muslime und Kommunisten spielen.“

- Robert Calderoli (Lega Nord)
  zum Sieg Italiens über Frankreich
  bei der Fußball-WM der Männer 2006
  (Zitat nach Spiegel Online, Der Standard, u.a.)

Vom rassistischen Mob angezündete Baracken von Roma in Ponticelli (bei Neapel):

brennende Baracken
Bildquelle: La Repubblica

Fußball und Deutschtum

Auch wenn der Untertitel des Blogs anderes verheißt, friste ich mein Dasein noch (!) immer in der schwäbischen Provinz.

Und in meinem ersten Post will ich erstmal anfangen, das zu tun, was ich hier noch öfter vorhabe: Fies rummeckern.

Gestern half mir mein gesamter Sicherheitsabstand zur Innenstadt nämlich rein gar nichts: Auch bei fest geschlossenen Fenstern war der Autokorso nach dem 3:2-Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer über die von Portugal trotz entsprechendem guten Willen nicht überhörbar. Gegen das, was hier zur Zeit so passiert, war das Theater während der WM das reinste Zuckerschlecken. Dass das letztlich nur Ausdruck einer ohnehin vorhandenen Grundstimmung ist, finde ich seltsamerweise wenig tröstlich.

Da ich mir die letzten beiden EM-Deutschmob-Parties (also da, wo Deutschland leider nicht verloren hat) aus der Nähe angesehen habe, konnte ich mir selbiges gestern ersparen.
So reagierte eine Gruppe testosteron-gepushter Jungmänner nach dem Spiel Deutschland-Polen auf eine gezielt provokante „Stalingrad“-Parole prompt mit gestrecktem rechten Arm und aggressiven Drohgesten.
Die ersten Deutschland-Fans, die ich nach dem Spiel Deutschland-Österreich zu Gesicht bekam, stimmten – na was wohl? – die erste Strophe des Deutschlandliedes an.
Mit einem vergleichbaren Mangel an Humor antwortete der verschwindend geringe Teil der partypatriotischen Festgesellschaft, der das Anhimmeln eines Transparents mit der Aufschrift „Fahne“ und Forderungen, wie die nach „Grenzen! Mehr Grenzen!“, überhaupt als Satire identifizierte. Bei einem eindeutiger kritischen Statement wäre wohl mit Knochenbrüchen für die Kritiker_innen zu rechnen gewesen.
Am selben Abend wurde ich dann Zeuge, wie an die mir ohnehin suspekten „Sieg“-Rufe unverhohlen noch ein „… heil!“ drangehängt wurde – auf Nachfrage war das natürlich jeweils nur „Spaß“. Ha, ha, ja wie immer halt, wenn den Deutschen der Nazi durchgeht. „Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen“, wusste schon der alte Tucholsky.

Wer den Fehler machte, sich an den besagten Abenden in Innenstadtnähe aufzuhalten, konnte sich so insgesamt darauf verlassen, ungefragt in die Fanmeute eingemeindet und im nationalen wie alkoholischen Vollrausch angejubelt und vollgedeutscht zu werden.

Aus diesem Anlass zitiere ich aus einem Text von mir selbst im Vorfeld der EM (leider hatte ich eine sehr knappe Zeilenvorgabe):

Nun ist es wohl bald wieder soweit: 11 kickende Gelfrisuren, die sich mit 11 anderen um einen Ball streiten, müssen als Hoffnung der Nation herhalten. Aber selbstverständlich: Hat ein nationalfahnenschwingender Mob, der im Land des Holocaust “Auf geht’s Deutschland, kämpfen und siegen!” gröhlt, nichts mit Politik zu tun. Seltsam nur, dass während der letzten Fußball-Weltmeisterschaft der Männer oft ein skeptischer Blick ausreichte, um (wortwörtlich!) gefragt zu werden: “Bist du denn nicht stolz auf dein Vaterland?” Wollte sich das Gesicht des Miesepeters dann noch immer nicht erhellen, wurde, unbewusst den ewigen Flakhelfer Walser zitierend, gerne noch einmal hinterher geschossen: “Ach, das damals, mit den Juden und so. Das ist doch schon so lange vorbei – wir müssen da endlich mal einen Schlussstrich ziehen!”

Auch wenn das im Provinz-Nest XXX (Zensur für den Blog) mit einer grinsenden Antiatom-Sonne auf dem schwarz-rot-goldenen Fahrrad-Wimpel manchmal etwas netter aussieht, bleibt Nationalstolz, was er ist: Blanker Unsinn. Denn kein Mensch kann etwas dafür, wo er geboren wird.
Dabei nützt die Deutschland-Besoffenheit vor allem der deutschen Wirtschaft, wenn sie der alleinerziehenden Hartz4-Empfängerin vorgaukelt, im Schoße des nationalen Kollektivs wirkliche Wärme zu spüren. So wird die Illusion aufrecht erhalten, sie habe mit einem deutschen Manager mehr gemeinsam, als mit einer französischen Niedriglohn-Jobberin. Ohne diese ganze Show (Achtung, Anglizismus! Vaterlandsverrat!) könnte sie ja am Ende noch auf die Idee kommen, den hochheiligen “sozialen Frieden” in Frage zu stellen.

Nationalstolz bildet sich stets in Abgrenzung zu etwas “Anderem” und führt zu einer Unterscheidung von In- und AusländerInnen. In Deutschland wird dies traditionell – also bereits seit dem Aufkommen der deutschen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert – von einer vermeintlichen gemeinsamen Abstammung hergeleitet. Dies ist ein wichtiger Grund dafür, dass selbst Menschen, die einen deutschen Pass besitzen und vielleicht sogar in Deutschland geboren sind, oft nicht als “vollwertige Deutsche” akzeptiert werden.

Diese Zeilen sind zu verstehen als eine Art letzter Appell an den Verstand, bevor er im Fahnenmeer versinkt: Schnell die Vorräte aufstocken, unter die Bettdecke kriechen und den Wahn überwintern. Oder eben doch: Raus gehen und Spaßbremse sein.

Zum Schluss noch das obligatorische Querverlinke:

Viel Spaß beim Lesen. Ich bin dann mal so lange kotzen.