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Gnadenlos mies

Es gibt einen Neuzugang im Bereich Zurichtungsfernsehen: Der Sender Sat1 hat am 20. August die erste Folge seiner Serie „Gnadenlos gerecht“ ausgestrahlt.

Das Format wird in der Eigendarstellung so beschrieben:

Die neue Sat.1-Doku begleitet die beiden Mitarbeiter der Kreisverwaltung Offenbach bei ihrer täglichen Arbeit. Das eingespielte Team heftet sich an die Fersen von mutmaßlichen Hartz IV-Betrügern: Sie ermitteln „undercover“ im In- und Ausland und kennen alle Tricks.

Die Rollen sind klar verteilt: Der der „eher ruhige, souveräne Kollege Helge Hofmeister“ schnüffelt ungeniert in der Privatsphäre von Hartz4-Empfänger_innen, die ihr Elend zu mindern versuchen, während die „temperamentvolle, geradlinige Helena Fürst“ sie „gnadenlos gerecht“ zurück in die Scheiße tritt.

So verweigern die beiden „Sozialfahnder“ in dem folgenden Ausschnitt einer alleinerziehenden Mutter mit einem dreijhrigen Kind eine Ersetzung der bereits auf dem Sperrmüll gelandeten verschimmelten Möbel. Weil sie aber erkennen, wie „dramatisch“ ihre Situation ist, geben sie sich so gnädig ihr ein DARLEHEN zu genehmigen, das sie in monatlichen Raten zurückzuzahlen habe:

Helena Fürst mag ihre Arbeit. Im Interview auf der Homepage zur Serie sagt sie:

Wir hatten und haben gemeinsam viel Spaß und es steckt viel Liebe und Arbeit von uns allen in dieser Serie.

Bei so viel Zynismus schafft es auch ein Christian Ulmen nicht mehr, die Menschenverachtung satirisch zu überspitzen. Bei seinem Charakter „Alexander von Eich“, bekannt aus „Mein neuer Freund“, reicht es mit der Pseudo-Reality-Soap „Alexander von Eich hilft“ doch nur zu einem blassen Abklatsch der Realität: Link.

Aber hier leben …

Auch wenn der Song anders intendiert gewesen sein mag, bleibt er mein Provinz-Soundtrack:

… und deswegen mache ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt:

Die ‚neue Falange‘

Meine mündliche Abi-Prüfung (15 Punkte :-) ) habe ich zum Anlass genommen, mich näher mit der aktuellen Situation in Italien zu befassen – und der Frage, ob und inwiefern es sich, so die Formulierung in meiner eingereichten Leitfrage, um eine „Renaissance des Faschismus“ handelt. Wenn ich etwas mehr Luft habe, werde ich vielleicht eine Zusammenfassung meiner Analyse ergänzen.

Hier erst einmal Zitate und Bilder als „Appetizer“:

‚Wir sind die neue Falange‘
- Silvio Berlusconi (Forza Italia)
  nach der Wahl Gianni Alemannos (Alleanza Nazionale)
  zum Bürgermeister von Rom
  (Zitat nach The Guardian, Daily Telegraph, El País, u.a.)

Wahlparty zum selben Anlass (auf einer Treppe am Rathausplatz):

Wahlparty Alemanno
Bildquelle: La Repubblica

„Es ist ein Sieg (…) über eine Mannschaft,
  die ihre Identität für Resultate geopfert hat und
  in der Neger, Muslime und Kommunisten spielen.“

- Robert Calderoli (Lega Nord)
  zum Sieg Italiens über Frankreich
  bei der Fußball-WM der Männer 2006
  (Zitat nach Spiegel Online, Der Standard, u.a.)

Vom rassistischen Mob angezündete Baracken von Roma in Ponticelli (bei Neapel):

brennende Baracken
Bildquelle: La Repubblica

Fußball und Deutschtum

Auch wenn der Untertitel des Blogs anderes verheißt, friste ich mein Dasein noch (!) immer in der schwäbischen Provinz.

Und in meinem ersten Post will ich erstmal anfangen, das zu tun, was ich hier noch öfter vorhabe: Fies rummeckern.

Gestern half mir mein gesamter Sicherheitsabstand zur Innenstadt nämlich rein gar nichts: Auch bei fest geschlossenen Fenstern war der Autokorso nach dem 3:2-Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer über die von Portugal trotz entsprechendem guten Willen nicht überhörbar. Gegen das, was hier zur Zeit so passiert, war das Theater während der WM das reinste Zuckerschlecken. Dass das letztlich nur Ausdruck einer ohnehin vorhandenen Grundstimmung ist, finde ich seltsamerweise wenig tröstlich.

Da ich mir die letzten beiden EM-Deutschmob-Parties (also da, wo Deutschland leider nicht verloren hat) aus der Nähe angesehen habe, konnte ich mir selbiges gestern ersparen.
So reagierte eine Gruppe testosteron-gepushter Jungmänner nach dem Spiel Deutschland-Polen auf eine gezielt provokante „Stalingrad“-Parole prompt mit gestrecktem rechten Arm und aggressiven Drohgesten.
Die ersten Deutschland-Fans, die ich nach dem Spiel Deutschland-Österreich zu Gesicht bekam, stimmten – na was wohl? – die erste Strophe des Deutschlandliedes an.
Mit einem vergleichbaren Mangel an Humor antwortete der verschwindend geringe Teil der partypatriotischen Festgesellschaft, der das Anhimmeln eines Transparents mit der Aufschrift „Fahne“ und Forderungen, wie die nach „Grenzen! Mehr Grenzen!“, überhaupt als Satire identifizierte. Bei einem eindeutiger kritischen Statement wäre wohl mit Knochenbrüchen für die Kritiker_innen zu rechnen gewesen.
Am selben Abend wurde ich dann Zeuge, wie an die mir ohnehin suspekten „Sieg“-Rufe unverhohlen noch ein „… heil!“ drangehängt wurde – auf Nachfrage war das natürlich jeweils nur „Spaß“. Ha, ha, ja wie immer halt, wenn den Deutschen der Nazi durchgeht. „Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen“, wusste schon der alte Tucholsky.

Wer den Fehler machte, sich an den besagten Abenden in Innenstadtnähe aufzuhalten, konnte sich so insgesamt darauf verlassen, ungefragt in die Fanmeute eingemeindet und im nationalen wie alkoholischen Vollrausch angejubelt und vollgedeutscht zu werden.

Aus diesem Anlass zitiere ich aus einem Text von mir selbst im Vorfeld der EM (leider hatte ich eine sehr knappe Zeilenvorgabe):

Nun ist es wohl bald wieder soweit: 11 kickende Gelfrisuren, die sich mit 11 anderen um einen Ball streiten, müssen als Hoffnung der Nation herhalten. Aber selbstverständlich: Hat ein nationalfahnenschwingender Mob, der im Land des Holocaust “Auf geht’s Deutschland, kämpfen und siegen!” gröhlt, nichts mit Politik zu tun. Seltsam nur, dass während der letzten Fußball-Weltmeisterschaft der Männer oft ein skeptischer Blick ausreichte, um (wortwörtlich!) gefragt zu werden: “Bist du denn nicht stolz auf dein Vaterland?” Wollte sich das Gesicht des Miesepeters dann noch immer nicht erhellen, wurde, unbewusst den ewigen Flakhelfer Walser zitierend, gerne noch einmal hinterher geschossen: “Ach, das damals, mit den Juden und so. Das ist doch schon so lange vorbei – wir müssen da endlich mal einen Schlussstrich ziehen!”

Auch wenn das im Provinz-Nest XXX (Zensur für den Blog) mit einer grinsenden Antiatom-Sonne auf dem schwarz-rot-goldenen Fahrrad-Wimpel manchmal etwas netter aussieht, bleibt Nationalstolz, was er ist: Blanker Unsinn. Denn kein Mensch kann etwas dafür, wo er geboren wird.
Dabei nützt die Deutschland-Besoffenheit vor allem der deutschen Wirtschaft, wenn sie der alleinerziehenden Hartz4-Empfängerin vorgaukelt, im Schoße des nationalen Kollektivs wirkliche Wärme zu spüren. So wird die Illusion aufrecht erhalten, sie habe mit einem deutschen Manager mehr gemeinsam, als mit einer französischen Niedriglohn-Jobberin. Ohne diese ganze Show (Achtung, Anglizismus! Vaterlandsverrat!) könnte sie ja am Ende noch auf die Idee kommen, den hochheiligen “sozialen Frieden” in Frage zu stellen.

Nationalstolz bildet sich stets in Abgrenzung zu etwas “Anderem” und führt zu einer Unterscheidung von In- und AusländerInnen. In Deutschland wird dies traditionell – also bereits seit dem Aufkommen der deutschen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert – von einer vermeintlichen gemeinsamen Abstammung hergeleitet. Dies ist ein wichtiger Grund dafür, dass selbst Menschen, die einen deutschen Pass besitzen und vielleicht sogar in Deutschland geboren sind, oft nicht als “vollwertige Deutsche” akzeptiert werden.

Diese Zeilen sind zu verstehen als eine Art letzter Appell an den Verstand, bevor er im Fahnenmeer versinkt: Schnell die Vorräte aufstocken, unter die Bettdecke kriechen und den Wahn überwintern. Oder eben doch: Raus gehen und Spaßbremse sein.

Zum Schluss noch das obligatorische Querverlinke:

Viel Spaß beim Lesen. Ich bin dann mal so lange kotzen.