Archiv der Kategorie 'aus Berlin'

Mit Versöhnungskitsch durch den Dschungel

Wenn erklärte Besserwisser_innen etwas nicht verstehen, neigen sie zuweilen dazu, ihren Status durch einen wütenden Ausfall nach vorne zu verteidigen. So auch Ingo Way und Stefan Wirner in ihrem Text „Juden als nützliche Idioten“, der rätselhafterweise im Feuilleton-Teil der linken Wochenzeitung Jungle World veröffentlicht wurde.


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Darin versuchen sie, eine Kritik an einem Essay von Stephan Grigat zu formulieren, der im Dossier-Teil der vorangegangenen Ausgabe erschienen war. Leider reicht es beim Autoren-Duo Way/Wirner aber nur zu gegenstandslosen Diffamierungen, missverstandenen Zitaten und einer Identifikation mit der bundesrepublikanischen Staatsräson.

Wer sich offen zum Besserwissertum bekennt, sollte tatsächlich auch etwas besser wissen. Peinlich wird es nämlich, wenn auf einen Satz, wie

Das demonstrative Desinteresse an jüdischer Religion schlägt sich denn auch in fundamen­taler Unkenntnis nieder.

die eigene „fundamentale Unkenntnis“ offengelegt wird:

Denn der Messianismus ist mitnichten wesentlich für das Judentum, das eine Religion der Tora und nicht der Endzeit­erwartung ist. In manchen Sekten innerhalb des Judentums spielte das messianische Element zwar bisweilen eine Rolle, es wurde aber nie zum Mainstream.

Und auch sonst ist dem Text anzumerken, dass er schnell aus der Hüfte geschossen ist. So heißt es darin z.B.:

Um Juden geht es im antideutschen Denken nur bedingt, wie Grigat betont. Denn es handelt sich um »eine Kritik, die sich für Juden als Juden nur insofern interessiert, als sie Opfer des Antisemitismus waren und sind. Zu ihrem ›Jüdisch-Sein‹ – und das grenzt sie von philosemitischen Anwandlungen deutlich ab – hat sie ebenso wenig zu sagen wie zur jüdischen Kultur und Tradition.« Juden sind nur als Opfer von Interesse – und nicht als handelnde Menschen, geschweige denn als religiöse. Die Kursivierung des Wörtchens »als« soll nur kaschieren, was nicht zu kaschieren ist.

Grigat ging es in dem zitierten Satz nun aber nicht darum, grundsätzlich jede Beschäftigung mit „jüdische Kultur und Tradition“ zu diskreditieren, sondern vielmehr zu verdeutlichen, dass sie für eine Gesellschaftskritik nicht nutzbar zu machen ist.

Als Produkt des selben Irrtums wird aus dem Satz

Und der eine oder die andere Antideutsche jüngeren Semesters sollte besser Adorno lesen als eifrig Hebräisch zu pauken.

ein Aufruf zum „Boykott von Hebräisch-Kursen“.

Mit einem Vokabular, das an einen Verfassungsschutzbericht erinnert, kämpfen sich die Beiden durch den Ideen-Dschungel Stephan Grigats. Den Antideutschen wird zum Vorwurf gemacht, dass sie „antidemokratisch“, „linksextremistisch“ und „totalitär“ seien. Dabei machen sich die Autoren ein seltendämliches Konstrukt zu eigen, in dem alles links und rechts der goldenen demokratischen „Mitte“ gleichermaßen menschenfeindlich und Nazis und Linksradikale doch irgendwie alle das selbe sind.

Allen Ernstes echauffieren sich diese zwei lupenreinen Staatsfans darüber, dass der durchschnittliche Antideutsche

die Bundesrepublik und ihr demokratisches System abgrundtief hasst

und dass

diese linke deut­sche Strömung […] nur auf die Abschaffung von Marktwirtschaft und Demo­kratie hinaus will …

Welch schlimme Fürchterlichkeit! Welche neue Entdeckung! Eine linksradikale „Strömung“ zielt doch tatsächlich auf die Überwindung einer Gesellschaft, die Zumutungen wie Konkurrenzzwang und Leistungsprinzip, Gewinner und Verlierer_innen und die Zurichtung zu Staatsbürger_innen in nationalen Zwangskollektiven kennt. Aber es kommt noch ärger:

… und Versöhnung und Religiö­sität zutiefst verabscheut.

Für liberale Meinungssoldaten im Abwehrkampf gegen den „Extremismus“ ist es in der Tat folgerichtig, auch die Religion für ein schützenswertes Gut zu halten. Schließlich bleibt der „Kampf gegen die Religion […] mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist“ (Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie).

Von geradezu grenzenloser Ignoranz zeugt aber die Verwendung des Wortes „Versöhnung“ im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Geschichte. Auf diese Weise werden Täter und Opfer umgelogen zu gleichberechtigten Partnern in einem Prozess der Überwindung früherer gegenseitiger Differenzen. Schließlich entblöden sich die Autoren nicht, die Shoa implizit als Betriebsunfall im deutsch-jüdischen Joint-Venture zu verniedlichen. Sie schreiben von dem

Versuch der Deut­schen und der Juden, nach dem Holocaust ein neues Kapitel in der deutsch-jüdischen G­e­schich­te aufzuschlagen

Sollte es bei der Veröffentlichung des Textes „Juden als nützliche Idioten“ um die Erregung von Aufmerksamkeit gegangen sein, so wird dieses Vorhaben mit Erfolg belohnt werden. Das dürfte aber weder den Autoren noch dem Medium gut bekommen.

P.S.:
Nun war also doch jemand schneller: Wartezeit überbrücken …

P.P.S.:
Die Jungle World hat eine „Disko“ draus gemacht. Hier die Antwort von Gerhard Scheit: Eliminierung der Widersprüche

Gewichtiges Problem in South LA

Der internationalen Presse nach zu urteilen, gibt es in den Ghettos im Süden von Los Angeles eigentlich nur ein gravierendes Problem: Die widerspenstige Unterschicht ernährt sich zu ungesund. Eine aktuelle Studie befindet jedes vierte Kind in diesen Gegenden für zu dick, in LA insgesamt jedes dritte. Stadträtin Jan Perry weiß um die Folgen: „Der Nebeneffekt einer dauerhaften Ernährung mit Fast Food ist, dass die Gesellschaft langfristig die Gesundheitskosten tragen muss.“

Weil der soziale Bodensatz nicht weiß, welches Essen gut für ihn und vor allem für das Gemeinwesen ist, hilft ihm der Staat nun bei der Entscheidung. Einen „Sieg für die Menschen von South Los Angeles” nannte Perry die Annahme ihres Vorschlages, in dem Gebiet ein einjähriges Verbot für die Eröffnung neuer Schnellimbisse zu verhängen. Nun sei eine aggressive Werbung um Anbieter von „guten gesunden Alternativen“ notwendig.

Die sind allerdings für immer weniger Menschen bezahlbar. In der Folge der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession sind die Lebenshaltungskosten in den USA so schnell gestiegen, wie seit 1991 nicht mehr. „Wir profitieren von dem Druck, den die Leute hinsichtlich ihres verfügbaren Einkommens verspüren“, sagte Burger-King-Chef John W. Chidsey im April dem Wall Street Journal. „Die Leute können es sich nicht leisten, zu Applebee’s zu gehen oder zu Chili’s.“ Und greifen notgedrungen zu den Ein-Dollar-Menüs bei McDonald’s, Burger King oder Wendy’s.

Fast-Food „ist die einzige Branche, die in South LA sein möchte“ erklärte der Sprecher der California Restaurant Association, Andrew Casana. „Restaurants mit Sitzgelegenheiten wollen sich dort nicht ansiedeln. Sonst wären sie dort.”

Der Soziologe Barry Glassner von der University of Southern California warnt zudem davor, „bestimmten Gruppen in der Bevölkerung vorzuschreiben, was sie zu essen haben“. Dies sei „bevormundend und herabwürdigend“.

Showdown in Gaza:
Palästina sucht die Super-Terroristen

Nach einer Phase der relativen Ruhe sprechen in den palästinensischen Autonomiegebieten nun wieder die Waffen. Den Auftakt der Auseinandersetzungen bildete vergangenen Freitag die heftigste Serie von Bombenanschlägen im Gazastreifen seit der Machtübernahme der Hamas im Juni 2007.


Bildquelle: AFP

Neben einem Internetcafé, vor dem sich aus offenbar sittenwächterischen Gründen ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte, war das Ziel die Hamas. In der Wohnung eines ihrer Abgeordneten explodierte eine Bombe, der Sprengsatz im Auto eines lokalen Führers des bewaffneten Arms tötete bei der Explosion fünf Hamas-Mitglieder und ein unbeteiligtes Kind und wurde so zum blutigsten Angriff gegen die Organisation seit ihrer Übernahme der Kontrolle im Gazastreifen. Für beide Anschläge macht sie die Hauptkonkurrenz von der Fatah verantwortlich, welche ihrerseits eine Verwicklung abstreitet.

Etwa einen Monat nach der Vereinbarung einer Waffenruhe zwischen der Hamas und Israel konzentrieren sich die palästinensischen Milizionäre nun wieder auf den Bruderkampf um die Macht und vertiefen die Spaltung der Autonomiegebiete in ein „Hamastan“ in Gaza und ein „Fatahstan“ in der Westbank.

In den Tagen nach den Anschlägen nahm die Hamas 300 Menschen – vor allem Fatah-Mitglieder – in dem von ihr kontrollierten Gebiet fest, durchsuchte Wohnungen, Büros und Sportvereine, errichtete Straßensperren und stoppte die Auslieferung der drei wichtigsten palästinensischen Zeitungen. Unter den Festgenommenen war offenbar auch ein Kameramann der ARD.
Die Fatah reagierte ihrerseits mit der Verhaftung von Hamas-Mitgliedern in der Westbank.

Zusätzlich nutzte die Hamas die Gelegenheit, um auch gegen die der al-Qaida nahestende Armee des Islam vorzugehen, die mit ihrem geschlossen islamistischen Weltbild in Verbindung mit dschihadistischem Aktionismus letztlich um exakt das gleiche Klientel wirbt, wie die Machthaber in Gaza. Bei den Festnahme-Versuchen kam es zu heftigen Zusammenstößen.

Sowohl die Hamas, als auch die Fatah streiten den politischen Hintergrund der Verhaftungsaktionen vehement ab. Eine andere Sprache spricht ein aktueller Bericht der palästinensischen Menschenrechtsorganisation al-Haq über „willkürliche Verhaftungen und Folter in palästinensischen Gefängnissen“, den sie am Montag veröffentlichte. Basierend auf 150 vereidigten Zeugenaussagen und der Dokumentation von mehr als 2000 Verhaftungen des vergangenen Jahres kommt der Bericht „eindeutig zu dem Schluss, dass der größte Teil der Verhaftungen in der Westbank und im Gaza-Streifen politisch motiviert sind“.

Update: Der Kameramann der ARD ist nach deren Eigenangaben wieder frei. Siehe: >>Link

Alptraum im deutschen Blätterwald:
Der „Kaninchen-Killer“ geht um

Vorbemerkung: Wer in diesem oder anderen Beiträgen Ähnlichkeiten zu Texten in anderen Medien findet, darf sie behalten. Wenn, dann habe ich da nur bei mir selbst geklaut. Alle im Original englischen Zitate sind übersetzt.


Bildquelle: BBC News

Es gibt Orte im Ruhrgebiet, die aussehen, als kämen sie direkt aus einem deutschen Märchen. Aber hier entwickelt sich ein Alptraum, der Angst in der Gemeinde verbreitet.

So beginnt ein augenzwinkernder Bericht von BBC News über eine abstruse Serie von Tiertötungen in den vergangenen Monaten. 30 Kaninchen soll ein_e noch unbekannte_r Täter_in in den vergangenen Monaten aus ihren Außen­gehegen entführt und enthauptet haben.
„Er füllt das Blut vielleicht in eine Box oder eine Flasche und bringt es weg. Und den Kopf auch.“ So schildert Polizeisprecher Volker Schütte in echt deutschem Englisch das Vorgehen des „Killers“ gegenüber BBC.

Der Beitrag der britischen Reporter_innen darf durchaus als ironischer Seitenhieb nicht nur auf deutsche Befindlichkeiten, sondern vor allem auch auf deren Niederschlag im medialen Blätterwald verstanden werden. Die selten dämliche Bezeichnung „Kaninchen-Killer“ wurde zum stehenden Begriff in den diversen Lokal- und Boulevardblättchen, die damit offenbar ihr Sommerloch zu stopfen versuchten. Dabei zitierten sie zwecks Dramatisierung gerne diverse abgedrehte Tierfreunde, die sich mit wahrer Leidenschaft einer der liebsten Volkssportarten der Deutschen widmeten: Abwegige Theorien über blutrünstige Verschwörungen aufstellen.

So heißt es in einem Artikel zum Thema von der Westdeutschen Zeitung:

Für Erika Scheffer, Vorsitzende des Dortmunder Tierschutzvereins, steht fest: „Das waren Perverse, die das Blut für Satansmessen verwenden.“

Im Internet, wo zugegeben mit ein paar Minuten Suchmaschinen-Recherche ausnahmslos jeder Blödsinn zu finden ist, geben sich deutsche Kaninchen-Liebhaber deutlich zwangloser ihren Fantasien hin. Zum Beispiel in einem Forum, das sich mit der Behauptung „Wir retten Kaninchen“ bewirbt. An „Islamisten und Juden“ denkt dort ein gewisser Flocke – wegen der „Art (…) des Schlachtens“. Auch bei Sylke funktionieren die bekannten Reflexe gut:

Solche Typen müssten echt härter bestraft werden, wenn sie die überhaupt bekommen.

Weder sind „die Typen“ (Woher kennt sie denn deren Geschlecht? Verdächtig …) gefasst, noch weiß Sylke vermutlich, was für eine Strafe ihnen in diesem Fall blühen würde. Wie auch der gute Obama weiß, ist dem aufgebrachten Mob eben prinzipiell alles unter Todesstrafe zu wenig, um „das volle Ausmaß der Empörung zum Ausdruck zu bringen“ (Zitat inkl. Zusammenhang aus dem Buch zu seiner Wahlkampagne).

Oft und gerne wird bei der Polizei über Per­sonalmangel geklagt, für diesen Fall hat sie offenbar eine mehrköpfige Sonderkommission gebildet. Außerdem hat auch Team Green eine äußerst schlüssige Theorie anzubieten: „Die Polizei befürchtet, der Killer könnte vom Töten von Kaninchen zum Töten von Menschen übergehen.“ (BBC)

Hier geht es zum Video von BBC: >>Link
Und hier zum entsprechenden Text: >>Link

Propagandaschlacht per Grafikprogramm

Wer die Medienberichterstattung zu seinen Gunsten steuern will, sollte sich wohl besser etwas geschickter anstellen als im Moment die Revolutionsgarde im Iran. Nicht nur, dass sie bei ihrem Muskelspiel per Raketentest wohl ein bisschen mit der Reichweite übertrieben haben:

General Hossein Salami, head of the Revolutionary Guards Air Force, claimed on Iranian television that a Shahab-3 long-range ballistic missile had been tested, which is capable of traveling longer distances, with greater accuracy, and with a larger payload.

„Our finger is always on the trigger, and our missiles are always ready to launch,“ he said.

However, Uzi Rubin, who was a program director of Homa, under which Israel developed the Arrow anti-missile system, is convinced that this was not a new version of the Iranian ballistic missile.

„From what I saw, this is an old version of the Shahab-3, and contrary to their claims, it is not capable of reaching 2,000 kilometers, only 1,300 kilometers,“ he said yesterday.

Rubin raised the possibility that a version of Shahab-3 with a 2,000 km range has still not been tested or is still not operational.

Quelle: „Haaretz Daily

Auch beim Bildmaterial wurde offensichtlich nachgeholfen, um zu vertuschen, dass eine der Raketen nicht plangemäß gestartet war. Dumm nur, dass sich auf der Internetseite der staatlichen Propagandaplattform „Sepah News“ neben einem gefälschten auch ein authentisches Bild von der ganzen Sache findet (mindestens bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags gegeben):

Ein Original …
Original

… und eine Fälschung
Fälschung

Bis die Geschichte aufgeflogen war, war das Bild allerdings schon über die Nachrichtenagentur AFP um die Welt gegangen und in etlichen großen internationalen Medien veröffentlicht worden.

Zum Beispiel bei denen:

Zeitungen mit dem gefälschten Bild
Bildquelle: New York Times

Update: Am Samstag, den 12.7., wurde das manipulierte Bild von der Website „Sepah News“ genommen – also erst zwei Tage nach dem Bekanntwerden der Fälschung. Was für Stümper …

Is this bass really strong enough?

Die Produktionswoche ist rum und es brechen erstmal entspanntere Tage an – Grund genug zum Feiern:

Hier klicken.
-> Mein Tipp: Vollbild und volle Lautstärke.

Fast summer

Abi, Abschied, Reise, Ankunft, Arbeit: Mir wird gerade so bald nicht langweilig. Der Tag war lang und ich bin müde (darunter werden diese Zeilen auch leiden) – aber nicht sicher, ob ich schon einschlafen kann. Zu intensiv sind die Erinnerungs-Filme an letzte Begegnungen für sehr lange Zeit, die in meinem Kopf ablaufen. Und zu groß die Spannung auf Menschen, die ich lange, teils Jahre nicht mehr gesehen habe.

Noch diese zwei Monate Berlin, dann geht es los nach Israel (und ich habe Geburtstag).

Jetzt aber genug Sentimentalität für heute.