Archiv für Dezember 2008

Beißreflexe

Wann immer der Nahostkonflikt eskaliert, sind die Fronten in Deutschland von vorneherein klar: Der Querfront aus staatstragenden Konservativen und antideutschen Linken bringt ihre rassistischen Ressentiments gegen „die Palästinenser“ in Stellung, wogegen die antizionistische Querfront von linksradikalen und faschistischen Palästina-Volksfreund_innen gemeinsam mit dem bundesdeutschen Mainstream den „Kindermörder Israel“ unter Beschuss nimmt. Aktuell wird der israelische Staat dann zuweilen schonmal als per se „menschenfreundliches Land“, bzw. werden die Islamisten zu unschuldigen Opfern und zu Vertretern des „kleinen Mannes“ verklärt.

An einer nüchternen Klärung der Sachlage besteht bei derart eingeübten Reflexen kein Interesse, vielmehr wird nach Bestätigungen für die jeweilige bornierte Sicht der Dinge gesucht.

Eine recht treffende Kritik am Team Hamas findet sich in einem Video-Kommentar von Martin Heller auf der Homepage von Spiegel Online: Link

Blindes Vertrauen

Mit Fakten lässt sich immer noch am besten lügen. Aktuell illustrieren das eine Vielzahl von internationalen Medien mit ihrer tendenziösen Berichterstattung zu den Ereignissen rund um den Gaza-Streifen. Warum sie, auch wenn sie wollten, die Realität nie richtig abbilden könnten.

Nachrichten sind immer eine Interpretation von Ereignissen. Das gilt bereits für sog. Meldungen, die per Definition nicht kommentieren und möglichst sachlich und unparteiisch eine Übersicht der wichtigsten Fakten vermitteln sollen.

Um sie überhaupt in die Form eines Textes, oder eines Radio- oder Fernsehbeitrages bringen zu können sind eine Reihe von Fragen zu klären, die unvermeidlich zur Filterung von Informationen führen: Welche Ereignisse werden überhaupt vermeldet? Von welchen Informationen hat der_die Autor_in Kenntnis und aus welchen Quellen? Wie stark werden welche Informationen betont (Stichwort: Reihenfolge)? Von welchen Positionen dazu wird berichtet? Wer wird zitiert? Welchen Bildausschnitt wähle ich? Oder auch: Sind die aktuellen Angriffe der israelischen Luftwaffe im Gaza-Streifen eine „Reaktion“, eine „Intervention“ oder ein „Krieg“?

Wie diese Fragen beantwortet werden, entscheidet sich entsprechend der Perspektive des/der Autor_in und dessen Vorgesetzten. Dazu kommt als Faktor die Risikobereitschaft der Akteure bzw. ihr Verhalten angesichts direkten oder indirekten Drohungen (z.B.: juristisches Vorgehen, Entzug von Investitionsmasse, physische Bedrohung) oder Belohnungen (z.B.: vermehrte Arbeitsaufträge, Beförderung, inoffizielles Zweitgehalt).

Obwohl die Textbausteine sich in einem Großteil der Medienlandschaft bis ins Detail gleichen, sind Journalist_innen noch immer Menschen – also potentielle Fehlerquellen. Schlecht bezahlt und unter ständigem Zeitdruck sind sie oft nicht in der Lage, in dem Maße Nachrecherchen durchzuführen, wie es eigentlich angebracht wäre. Und vor dem Abgabetermin und dem heiß ersehnten Feierabend gerät dann auch ohne böse Absicht schnell einmal eine Null zu viel oder zu wenig in eine Zahl, wird ein Name vertauscht oder beim Kürzen ein eigentlich wichtiger Textteil gestrichen.

Nachrichten werden allzu oft als eine neutrale Darstellung von Fakten missverstanden. Und die Hauptinformationsquellen der Medien-Konsument_innen können kein gesteigertes Interesse daran haben, über dieses Missverständnis aufzuklären. Das Ergebnis ist ein problematisch unkritisches Verhältnis zur Realität. Dabei geht es, frei mit Marx, doch eben nicht nur darum, sie verschieden zu interpretieren, sondern sie endlich auch zu verändern.

Bomben über Gaza

Die monatelange Phase relativer Ruhe rund um den Gaza-Streifen ist nun bis auf weiteres vollends vorbei: Gegen 11:30 Uhr Ortszeit begann die israelische Luftwaffe heute eine umfangreiche Offensive.


Bildquelle: zeit.de

Von mehr als 170 Toten und 200 Verletzten schreibt die Onlineausgabe der israelischen Tageszeitung Ha‘aretz unter Berufung auf Quellen aus dem palästinensischen Gesundheitswesen.

Das israelische Militär gibt an, in erster Linie Einrichtungen der Hamas angegriffen zu haben. Neben Raketen-Abschussrampen und Trainingslagern waren unter den Zielen auch Polizeistationen, von denen einige in zivilen Häusern untergebracht waren.

Ha‘aretz berichtet weiter, die Armee habe betont, dass Zivilisten, die sich in der Umgebung von Abschussrampen aufhielten, oder Einrichtungen der Hamas in ihren Häusern beherbergten, selber verantwortlich seien, wenn sie verletzt würden. Zu einer solchen Äußerung gehört nun durchaus eine gehörige Portion Zynismus, unterstellt sie doch vielen mutmaßlich Unbeteiligten dabei grundsätzlich eine Wahl.

Seitdem die Hamas vergangene Woche abgelehnt hatte, eine gegen Ende ohnehin mehr formellen halbjährige Waffenruhe zu verlängern, haben islamistische palästinensische Gruppierungen verstärkt Qassam- und Katyusha-Raketen sowie Mörsergranaten auf Israel abgefeuert.
Alleine zwischen Donnerstag und Freitag waren einem Artikel der Washington Post zufolge 100 Raketen eingeschlagen.

Die ungelenkten Boden-Boden-Geschosse schlugen in den vergangen Tagen größtenteils in der Negev-Wüste ein oder führten zu begrenzten Sachschäden. Ein Israeli kam nach Angaben der Nachrichtenagentur AP aber ums Leben, vier wurden verletzt.

Diese vergleichsweise geringen Opferzahlen der fortgesetzten Angriffe auf Israel dürfen nicht über ihre Wirkung hinwegtäuschen. Nicht nur Augenzeug_innen haben unter den psychologischen Folgen der Angriffe zu leiden. Israel ist eine kollektiv traumatisierte Gesellschaft mit einem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis. Sie wurde mitbegründet von einer Generation von Shoa-Überlebenden, hat unzählige existentielle Bedrohungen (vgl. z.B. „Versöhnliche Steinwürfe“) überstehen müssen und ist mit einem fast permanenten Kriegszustand konfrontiert.

Bereits vor den aktuellen Ereignissen war eine breite Unterstützung für eine Politik der harten Hand spürbar und drückte sich beispielsweise in den regelmäßig hohen Umfragewerten für Oppositionsführer Binyamin Netanyahu aus, die ihm gute Chancen für die Wahlen am 10. Februar bescheinigen.

Nicht zuletzt mit diesem Termin in Aussicht und der Stimmung der Bevölkerung zugunsten eines Militärschlages (1) im Nacken, hatte das Sicherheitskabinett bereits am Mittwoch eine Offensive beschlossen, die schließlich am Samstag morgen vom Trio Olmert-Livni-Barak bestätigt worden war – so eine Verlautbarung des Premierminister-Büros.

Die israelische Luftwaffe dürfte ihre Angriffe in den folgenden Tagen fortsetzten. Eine folgende Bodenoffensive ist möglich, wäre aber mit drastischen Folgen verbunden. Auch mit Angriffen der Hizbollah aus dem nördlich gelegenen Libanon muss angesichts der eskalierenden Lage gerechnet werden.
Die Hamas hat die vergangenen Monate derweil offenbar dazu genutzt, ihre militärischen Fähigkeiten zu erweitern. Der Leiter des israelischen Militärgeheimdienstes Shin Bet warnte am Sonntag vergangener Woche im Kabinett davor, dass sich nun auch die Stadt Ashdod und die Außenbezirke von Beer Sheva in der Reichweite ihrer Raketen befünden.

So oder so leidet unter dem Konflikt einmal mehr die Zivilbevölkerung in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten. Ein Ausweg ist nicht in Sicht.

Anmerkungen:
(1) Ein vom Fernsehsender Channel One in Auftrag gegebene Umfrage kam am Donnerstag zu dem Ergebnis, dass 60% der Israelis ein solches Vorgehen unterstützten, während sich nur 23% dagegen wenden würden. Vgl.: http://imra.org.il/story.php3?id=41945

Bloggen. Blubbern.

Warum ich nicht mehr schriebe, wird gefragt. Das Einschlafen des Blogprojekts bedauert. Natürlich imponiert mir das, wirft aber auch ein paar Fragen auf. Ich werde hier nicht versuchen, sie zur Gänze zu beantworten und es bei ein paar polemische Spitzen dazu belassen. Wer möchte, darf im Hintergrund auch eine leise Selbstkritik vermuten.

Die meisten Blogs leben davon, dass sie möglichst regelmäßig mit Inhalt gefüttert werden. Immerhin haben ihre Autor_innen in erster Linie ein Ziel: Aufmerksamkeit. Sinken nun die Zugriffszahlen auf Selbstbestätigungstrips, exhibitionistisch ausgebreitete Details aus dem Sexualleben oder den Link zum aktuell angesagtesten Youtube-Link, so gerät der Blog in die Krise.

Doch zum Glück gibt es ein paar brandheiße Top-Tipps zum Thema Krisenmanagement: Die jeweilige Selbstdarstellungsplattform ist zunächst einmal exzessiv zu nutzen. Schließlich wollen die Leser_innen den Stoff schnell und in großen Mengen. Der Umweg über den Kopf darf dabei zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit gerne wegrationalisiert werden. Mit anderen Worten: Grütze schreiben. Und noch mehr Grütze.
Der zweite Schritt ist das Setzen von Duftmarken bei den aktuell angesagtesten Blogs. Keine Angst: Deren Kommentarspalten müssen nun nicht gleich mit sinnvollen Beiträgen gefüllt werden. Auf die Auffälligkeit kommt es an. Und natürlich den Link zum eigenen Blog.

P.S.:
Spezial-Tipp für Polit-Blogger: Eine Polemik gegen den Gegenstandpunkt schreiben, Popcorn in die Mikrowelle stellen und zurücklehnen. Wer gemeint ist, versteht mich.