Offene Gesprächskultur

Heute war mein erster Arbeitstag im Altersheim des Kibbutz. Wann immer ich auf die beliebte Woher-Frage vorsichtig mit Deutschland antwortete, erinnerten mich die Bewohner_innen unmittelbar daran, warum ich hier bin: Sie erzählten von ihren verschlungenen Lebenswegen und wie sie sich mit einem Kindertransport nach England oder einer frühzeitigen Ausreise nach Palästina vor dem deutschen Mordkollektiv hatten retten können.

Am Rande bekam ich, während ich eine schon recht hilfsbedürftige ältere Dame beim Pampe Runterwürgen unterstützte, ein Kennenlerngespräch zwischen einer neueren und einer alteingesessenen Bewohnerin auf Hebräisch mit. Der Tonfall klang täuschend plaudernd, vieles habe ich nicht verstanden. Wohl aber zwei Sätze, ziemlich am Anfang der Unterhaltung: „Ich war in Auschwitz, und du? In Majdanek.“

Alle, von denen ich weiß, dass sie das KZ überlebt haben, blieben vorerst mit kritisch musternden Blicken auf Distanz. Immerhin habe ich ein Jahr Zeit, diesen Abstand vorsichtig zu verringern. Vorausgesetzt, ihnen bleibt jeweils noch so viel Zeit. Meine Vorgesetzte hat mir geraten, mich auf Todesfälle einzustellen.


3 Antworten auf “Offene Gesprächskultur”


  1. 1 jana 16. Oktober 2008 um 16:53 Uhr

    es ist unvorstellbar, was diese frauen erlebt haben müssen… von majdanek hatte ich noch nie gehört, habe mich nun aber informiert. mir fehlen schlichtweg die worte – es ist ein merkwürdiges gefühl, schuld für etwas zu empfinden, das man nicht miterlebt hat und von dem man ausgeht, dass man es nie hätte tun können…
    ich finde es gut, dass du (d)einen beitrag zur wiedergutmachung leisten kannst.

  2. 2 Administrator 16. Oktober 2008 um 18:14 Uhr

    Die Shoa ist nicht wieder gut zu machen. Es ist auch keinesfalls mein Ansinnen, einen Beitrag zu einem entsprechenden Versuch zu leisten.

    Leider konnte ich mir nicht aussuchen, wo ich geboren werden wollte. Ich bin aber nicht als Botschafter irgendeiner und schon gar nicht der deutschen Nation nach Israel gegangen. Sondern als Individuum.

  3. 3 jana 17. Oktober 2008 um 17:18 Uhr

    jo darling, ich weiß, was du von deutschland hältst. ;)
    wiedergutmachung war das falsche wort und auch nicht unmittelbar auf die shoa bezogen. ich meinte vielmehr, dass du ihnen nach dem was sie erlebt haben nun einen schönen lebensabend bereiten kannst.

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