Versöhnliche Steinwürfe

Von Mittwoch bis Donnerstag abend (a) war Yom Kippur, der Versöhnungstag. Das ist nicht nur der wichtigste Feiertag im Judentum, sondern wird auch von vielen säkularen Jüdinnen und Juden als Ruhetag und Anlass zur Selbstreflexion wahrgenommen. Besonders penible Gläubige müssen an diesem Tag fasten, dürfen kein Leder tragen, nicht baden, keine andere Körperpflege betreiben und nichts tun, was als Arbeit interpretiert werden könnte. Dazu gehört z.B. auch die Benutzung von Fahrzeugen oder elektrischen Geräten. Wer es trotzdem wagt, an diesem Tag mit dem Auto durch Israel zu fahren, riskiert, mit Steinen beworfen zu werden. Das gilt zuweilen sogar für Krankenwägen. Die Spinnen, die Religiösen.

Ein arabischer Autofahrer in einem jüdischen Viertel von Akko wurde am Donnerstag zum Anlass von Straßenschlachten. Ein israelisch-arabischer Knesset-Abgeordneter sprach, nicht ganz uneinseitig, von einem „Pogrom ausgeführt von Juden gegen arabische Anwohner“.

Besser für mich, dass ich nun seit einer Woche in einem Kibbutz in der Nähe von Haifa wohne. In dieser semisozialistischen Blase ist Religion angenehmerweise eher weniger angesagt, weshalb mich meine Kibbutz-Parents am Mittwoch abend auch gerne zum Essen eingeladen haben. Für sie, wie auch für andere Israelis, mit denen ich darüber gesprochen habe, erhält der Tag viel von seinem Gewicht als Jahrestag des Yom-Kippur-Krieges 1973. An dem Tag, an dem in Israel alles still lag, an dem nicht einmal das Radio funktionierte, über das die Reservist_innen hätten alamiert werden können, nutzten Syrien und Ägypten den Moment der Schwäche und griffen an. Israel hat den Krieg gewonnen, selbstverständlich. Sonst wäre dieses winzige Land längst von der Landkarte verschwunden. Aber zu welchem Preis? Fast 3000 tote israelische Soldat_innen widerlegten trotz Sieg den Mythos der Unbesiegbarkeit, dem der Sechstagekrieg sechs Jahre zuvor seine Flügel verliehen hatte.
Meine Gastgeber_innen gingen soweit, das Yom-Kippur-Trauma als einen der nach wie vor entscheidensten Beweggründe für die Entscheidungen der israelischen Politik zu betrachten.

Am Sonntag, in Israel der erste Tag der Woche, werde ich mit meiner Arbeit anfangen. Diese Zeilen schreibe ich aus einer WG in Jerusalem, der ich gerade einen Kurzbesuch abstatte. Ich freue mich aber auch, heute abend wieder zurück ins Kibbutz zu fahren. Denn wo man beim Abendessen über die zu erreichende befreite Gesellschaft und linke Bewegungen in Israel plaudert, da kann ich gar nicht anders, als mich zu Hause zu fühlen.

Anmerkung:

a) Jüdische Feiertage beginnen und enden grundsätzlich Abends. Hergeleitet ist das aus der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose, wo es jeweils heißt: „Da ward aus Abend und Morgen der …te Tag.“ (zitiert nach Luther-Übersetzung)


2 Antworten auf “Versöhnliche Steinwürfe”


  1. 1 Flo 11. Oktober 2008 um 20:15 Uhr

    Schön, ab und an was von dir zu lesen hier :) … ich hoff dein Israel-Aufenthalt macht Spaß…
    Cheers

  1. 1 Altneulinks « Subtext Pingback am 20. Oktober 2008 um 18:20 Uhr
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