Archiv für Oktober 2008

Mob in Action

Lieber Kollege Edward E. Nigma vom Bad Blog,

zuweilen produzierst du im positiven Sinne interessante Beiträge, sonst würde ich mir hier die Mühe einer negativen Kommentierung nicht machen.

Du schreibst in deinem Beitrag Mob? Action!:

Und siehe da, in der aktuellen Ausgabe der linken Wochenzeitung Jungle World gibt man sich die journalistische Ehre, nicht nur meinen Namen falsch zu schreiben, sondern 4 Wochen nach dem Sturm im virtuellen Wasserglas, ein mittelmässiges Talent mit einem einfallslosen Pseudonym sein Erstlingswerk dahinzukritzeln zu lassen. Tight alta!

Eine Antwort bleib ich bestimmt nicht schuldig, vorerst muß ich und meine Querfrontkumpels aber noch für unsere nächste Auswärtsfahrt etwas textsicherer werden… Bis dahin: Peace out!

Bevor du dein Vorhaben ausfühst, solltest du dir besser erst einmal den Schaum vom Mund wischen.

Ich finde es immer erstaunlich, was Kriegspielen im Fußballstadion aus oberflächlich reflektiert scheinenden Menschen so alles hervorzuholen vermag. Beispielhaft exerzierst du das vor in deinem Beitrag Heult doch! Scheiß St. Paulianer…und deinen eigenen Kommentaren darunter.

Da findest du “schwul” als Schimpfwort auf gar nicht homophob, weil man das halt so macht. Und bei der Erwiderung auf Gensing fällt dir offenbar nicht einmal auf, warum er mit “asozial” evtl. auch ein Problem haben könnte.
Du postest unrelativiert ein Zitat, in dem vom “Volkseigentum Fußball” schwadroniert und zur “Verteidigung der Heimat gegen globalisierten Entertainment-Sport” aufgerufen wird. Du glaubst, offenbar ein Ergebnis deiner identitären Selbstverortung, dich bei Rumgedisse gegen Ostdeutschland persönlich angegriffen fühlen zu müssen.

Es gibt einen fast schon totzitierten Satz von Mark Twain, der da heißt

Whenever you find yourself on the side of the majority, it is time to pause and reflect.

Ich weiß, du siehst dich als Teil einer Minderheit, nämlich der der “Unangepassten in diesem Land” – einer gewaltgeilen Männergemeinschaft, in der du dich sowohl Nazis als auch unpolitischen Hooligan-Dumpfbacken verbunden fühlst. Den zweiten Teil des Zitates könntest du dir aber durchaus zu Herzen nehmen.

Update:

Bad-blog.com ist an den Auseinandersetzungen um den Beitrag eingegangen.

Diese Entscheidung wurde getroffen, nachdem offenbar mit rechtlichen Schritten gedroht worden war.

Um nachvollziehen zu können, worum es eigentlich ging, sei auf den Cache von Planet Dissi verwiesen: Link

Tage am Meer

Ob in Haifa, Akko oder Nahariya: Die Zeit kann ich in Israel gerade noch sehr schön am am Meer vertrödeln. Auch wenn die meisten Israelis das anders sehen und sich bei aktuell 25 Grad darüber beklagen, dass es auf den Winter zugehe.

Obwohl ich also schwer beschäftigt war mit Sonnen, Baden, Pizza essen, Lesen und Sonnenuntergänge gucken, habe ich selbst beim Strandurlaub noch etwas für den Blog getan. Das Ergebnis findet sich oben als Banner.

Altneulinks

Leider ist es kein Traum: Chadasch, zu deutsch „Neu“, das ist die ‚kommunistische‘ Partei Israels. (a)


Vergrößern: linksmitte (Zeichen der Chadasch auf einer Fahne) – rechts

Bei den Knesset-Wahlen mit +/- 3 Sitzen dümpelt die Partei regelmäßig in bedeutungsloser Wahrnehmbarkeit dahin. Auf den Listen der Partei stehen, das ist in Israel eine echte Besonderheit, sowohl jüdische als auch (und vor allem) arabische israelische Kandidat_innen. Eine größere Bedeutung hat sie daher bei anstehenden Kommunalwahlen in gemischten Städten, wo sie oft nicht selber vertreten ist, aber ihre Unterstützung für jeweilige Lokalparteien eine Rolle spielt.

Für Dienstag vergangene Woche, den ersten Tag von Sukkot, hatte die Partei in Akko zu einer Versammlung für die Koexistenz aufgerufen, wo es aufgrund von Nichtigkeiten zu mehrtägigen heftigen Auseinandersetzungen zwischen fanatisierten jüdischen und arabischen Rechten gekommen war (zum Hintergrund siehe ‚Versöhnliche Steinwürfe‘).


Vergrößern: links („Shalom = Salaam“ (b)) – mitterechts (vor der Busankunft)

Die meisten Teilnehmer_innen kamen nach meinem Eindruck aber nicht aus der Stadt selbst, sondern reisten mit Autos aus den verschiedenen Landesteilen an; ein Großteil kam mit einem Bus aus Tel-Aviv. Eine Bekanntschaft war so nett, mir die Redebeiträge im Groben synchron ins Englische zu übersetzen.

Die Ereignisse wurden geschildert und es wurde von Familien und Einzelpersonen berichtet, die sich nur knapp vor dem Mob retten konnten, deren Wohnungen bei den Riots zerstört worden waren, oder die sich aus Angst vor ihren Nachbar_innen nicht mehr zurück trauen. In dem traditionellen Sukkar-Zelt sprachen ein lokaler Kandidat von Chadasch, eine namenlose Aktivistin und Dov Khenin, ein Knesset-Abgeordneter der Partei, der für die Bürgermeisterwahl in Tel-Aviv kandidiert.


Vergrößern: linksmitterechts (Dov Khenin)

Sonderlich „neu“ sind die Ideen von Chadasch leider nicht, offenbar hat es beim Stand der Reflexion seit ihrer Gründung 1977 (das Datum wird zumindest auf Wikipedia angegeben) kaum Fortschritte gegeben: Israel als jüdischer Staat will langfristig beseitigt werden, man kooperiert mit arabischen Nationalist_innen und verspricht den Ausbau des Sozialstaates. (c)

Einen Chadasch-Aktivist, von dem mir im Vorfeld als überfittem Theorie-Crack zugeraunt wurde, durfte ich schließlich auch mit einem Aufruf zur Verteidigung des „sozialistischen Vaterlandes“ Kuba auf seinem T-Shirt kennenlernen.

Anmerkung:

a) Die Überschrift und der erste Satz nehmen Bezug auf den Roman von Theodor Herzl, dem Architekten des Zionismus. Das Buch ist online abrufbar: http://www.zionismus.info/altneuland/altneuland.htm

b) Shalom ist das hebräische, Salaam das arabische Wort für Frieden.

c) Immerhin hat die Partei die Umwelt zu ihrem Thema gemacht. Die wird in Israel bisher eher stiefmütterlich behandelt, was sich aber zwangshalber in den kommenden Jahren ändern wird. Das Land hat ein immer akuter werdendes Wasserproblem – auch wenn man das angesichts des großzügigen Umgangs mit der Ressource oft nicht merkt. Nicht zuletzt die Frage der Verteilung dieses Luxusgutes birgt dabei jede Menge Sprengstoff nicht zuletzt für den jüdisch-arabischen Konflikt.

Offene Gesprächskultur

Heute war mein erster Arbeitstag im Altersheim des Kibbutz. Wann immer ich auf die beliebte Woher-Frage vorsichtig mit Deutschland antwortete, erinnerten mich die Bewohner_innen unmittelbar daran, warum ich hier bin: Sie erzählten von ihren verschlungenen Lebenswegen und wie sie sich mit einem Kindertransport nach England oder einer frühzeitigen Ausreise nach Palästina vor dem deutschen Mordkollektiv hatten retten können.

Am Rande bekam ich, während ich eine schon recht hilfsbedürftige ältere Dame beim Pampe Runterwürgen unterstützte, ein Kennenlerngespräch zwischen einer neueren und einer alteingesessenen Bewohnerin auf Hebräisch mit. Der Tonfall klang täuschend plaudernd, vieles habe ich nicht verstanden. Wohl aber zwei Sätze, ziemlich am Anfang der Unterhaltung: „Ich war in Auschwitz, und du? In Majdanek.“

Alle, von denen ich weiß, dass sie das KZ überlebt haben, blieben vorerst mit kritisch musternden Blicken auf Distanz. Immerhin habe ich ein Jahr Zeit, diesen Abstand vorsichtig zu verringern. Vorausgesetzt, ihnen bleibt jeweils noch so viel Zeit. Meine Vorgesetzte hat mir geraten, mich auf Todesfälle einzustellen.

Versöhnliche Steinwürfe

Von Mittwoch bis Donnerstag abend (a) war Yom Kippur, der Versöhnungstag. Das ist nicht nur der wichtigste Feiertag im Judentum, sondern wird auch von vielen säkularen Jüdinnen und Juden als Ruhetag und Anlass zur Selbstreflexion wahrgenommen. Besonders penible Gläubige müssen an diesem Tag fasten, dürfen kein Leder tragen, nicht baden, keine andere Körperpflege betreiben und nichts tun, was als Arbeit interpretiert werden könnte. Dazu gehört z.B. auch die Benutzung von Fahrzeugen oder elektrischen Geräten. Wer es trotzdem wagt, an diesem Tag mit dem Auto durch Israel zu fahren, riskiert, mit Steinen beworfen zu werden. Das gilt zuweilen sogar für Krankenwägen. Die Spinnen, die Religiösen.

Ein arabischer Autofahrer in einem jüdischen Viertel von Akko wurde am Donnerstag zum Anlass von Straßenschlachten. Ein israelisch-arabischer Knesset-Abgeordneter sprach, nicht ganz uneinseitig, von einem „Pogrom ausgeführt von Juden gegen arabische Anwohner“.

Besser für mich, dass ich nun seit einer Woche in einem Kibbutz in der Nähe von Haifa wohne. In dieser semisozialistischen Blase ist Religion angenehmerweise eher weniger angesagt, weshalb mich meine Kibbutz-Parents am Mittwoch abend auch gerne zum Essen eingeladen haben. Für sie, wie auch für andere Israelis, mit denen ich darüber gesprochen habe, erhält der Tag viel von seinem Gewicht als Jahrestag des Yom-Kippur-Krieges 1973. An dem Tag, an dem in Israel alles still lag, an dem nicht einmal das Radio funktionierte, über das die Reservist_innen hätten alamiert werden können, nutzten Syrien und Ägypten den Moment der Schwäche und griffen an. Israel hat den Krieg gewonnen, selbstverständlich. Sonst wäre dieses winzige Land längst von der Landkarte verschwunden. Aber zu welchem Preis? Fast 3000 tote israelische Soldat_innen widerlegten trotz Sieg den Mythos der Unbesiegbarkeit, dem der Sechstagekrieg sechs Jahre zuvor seine Flügel verliehen hatte.
Meine Gastgeber_innen gingen soweit, das Yom-Kippur-Trauma als einen der nach wie vor entscheidensten Beweggründe für die Entscheidungen der israelischen Politik zu betrachten.

Am Sonntag, in Israel der erste Tag der Woche, werde ich mit meiner Arbeit anfangen. Diese Zeilen schreibe ich aus einer WG in Jerusalem, der ich gerade einen Kurzbesuch abstatte. Ich freue mich aber auch, heute abend wieder zurück ins Kibbutz zu fahren. Denn wo man beim Abendessen über die zu erreichende befreite Gesellschaft und linke Bewegungen in Israel plaudert, da kann ich gar nicht anders, als mich zu Hause zu fühlen.

Anmerkung:

a) Jüdische Feiertage beginnen und enden grundsätzlich Abends. Hergeleitet ist das aus der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose, wo es jeweils heißt: „Da ward aus Abend und Morgen der …te Tag.“ (zitiert nach Luther-Übersetzung)

Israelischer Alarmismus

Heute morgen um 4 Uhr hat sich aus bisher nicht geklärten Gründen die Alarmanlage des Seminarhauses dazu entschlossen, seine Insass_innen wütend aus dem Bett zu fiepen, um sich nach scheinbar erfolgreicher Entschärfung und zehn trügerisch ruhigen Minuten erneut als Drama Queen in Szene zu setzen. Diese Vorstellung fand auch die Polizei gut, deren Vertreter_innen daraufhin nicht zögerten, mit Maschinenpistolen im Anschlag die unterste Etage nach fiesen Gestalten abzusuchen.

Kritisch inspizierten sie den kläglichen, müden und verwirrten Haufen Volontär_innen in Schlafanzügen und Boxershorts, der sich im Stockwerk darüber auf der Treppe hinter der Haupteingangstür versammelt hatte. Aufgrund mangelnder Englischkenntnisse ihrerseits und zu fauler Hebräisch-Schüler_innen ihnen gegenüber konnte die Verwirrung sogar noch ein wenig gesteigert werden. Mühsam kratzte ein Beamter schließlich die Vokabeln für die Frage „Who is in charge?“ zusammen, erhielt darauf aber nur ein bedauerndes Schulterzucken als Antwort. Nachdem die Worte „false“ und „alarm“ schließlich oft genug wiederholt waren, entschieden sich die Verteidiger_innen des Gewaltmonopols des israelischen Staates schließlich dazu, mit belustigten Gesichtern abzuziehen.