Leben ohne Wutgeschenke

„I don‘t take your anger gift!“ Dieser gedachte Antwortsatz wurde beim letzten Programmpunkt am dienstäglichen Seminartag als Strategie zum Umgang mit Nervbolden in Gestalt von Vorgesetzten oder Mitbewohner_innen anempfohlen.

Der Ratgeber war der angebliche „Soziologe“ Dr. Yossi Shalev, ein schauspielerisch und psychologisch eher mäßig begabter Selbstdarsteller. Sein gezwungen selbstsicher wirkendes Lächeln bestätigte in Kombination mit seiner Sonnenstudiobräune die erste vorurteilsbedingte Kategorisierung als gealterter und gescheiterter Sunnyboy.
Seine Fähigkeit, eine einzige Luftblase über zwei Stunden auszudehnen, zwingt mich zu einem gewissen Respekt. Für meine eigene Zukunft als „Love yourself“-Guru habe ich mir auch gleich ein paar Strategien für meine kommenden, maßlos überbezahlten Seminare abgeguckt. Hier Auszüge frisch von meinem Notizblock:

1) Glaubenssätze formulieren, die so banal sind, dass ihnen jede_r rational zustimmen muss (a), ohne dass sie je jemand konsequent umsetzen könnte. Wer oft genug dazu gebracht wird, zuzustimmen, ist in einem empfänglichen Zustand – eine simple aber bewährte küchenpsychologische Weisheit.
Beispiele aus dem Vortrag:
- „Ich mag mich.“
- „Wer wütend ist, handelt unbedacht.“

2) Vordergründige Spezialisierung auf einen eingeschränkten Bereich. Zwecks Arbeitsersparnis aber im Wesentlichen auf Allgemeinplätze zurückgreifen, die sich in jeder Art von Lebensberatungsliteratur finden. Gleichzeitig meine „Ideen“ als spannende Neuigkeit und Schlüssel zu einem guten Leben (b) verkaufen.

3) Selbige mit unzähligen Geschichten illustrieren. Die Pointen dürfen ebenso banal und beliebig konstruiert sein. Um ihnen zusätzlich Authentizität zu verleihen, Urheberschaften davon angeben, die gut klingen, die aber niemand aus dem Publikum nachvollziehen kann. Die üblicherweise an meinen Seminaren interessierten armen Schweine werden sich in ihrer Verzweiflung noch am dünnsten Strohhalm festkrallen.

4) Esoterik-Gesäusel hilft, Tiefe zu simulieren. Bevorzugt auf Begriffe zurückgreifen, die den Zuhörer_innen vermutlich bekannt sind, ohne dass sie wissen dürften, was genau damit gemeint ist.
Beispiel aus dem Vortrag: „Ganzheitliche Medizin“

5) Über Beziehungsblub und Sex zu reden bringt Aufmerksamkeit. Unbedingt verbauen – egal, wie gut oder schlecht das jeweils reinpasst.

 

Anmerkungen:

(a) Gegenbeispiel: Dr. Grinsekatze ließ uns wissen, wozu er Shoa-Überlebenden gewöhnlich raten würde: „Forgive and forget.“

(b) Dieses gute Leben gibt es im falschen Ganzen bekanntlich nicht. Dass das bürgerliche Glücksversprechen trotz der Unmöglichkeit seiner Einlösung unter den bestehenden Verhältnissen beharrlich wiederholt wird, ist die Lebensgrundlage für Menschen wie Dr. Shalev.