Von den Engeln und den Spatzen

„Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“ schrieb Walter Benjamin 1921 in seinem lesenswerten, aber leider nur fragmentarisch erhaltenen Text „Kapitalismus als Religion“.

Ich möchte ihm in diesem Punkt widersprechen. Denn gerade in der christlichen Religion wird ihren Anhänger_innen die Schuld erst aufgeladen, damit sie gnädig wieder genommen werden kann. Das haben mir aktuell Beobachtungen in einem deutschsprachigen Gottesdienst in der Jerusalemer Erlöserkirche am vergangenen Sonntag verdeutlicht. Ein „Bekenntnis der Schuld“ hat dort seinen festen Platz im Programmheft, dessen Inhalt vor allem die ungefragt vereinnahmende Behauptung ist, „wir alle“ seien solche armen „Sünder“ und müssten den Herrgottvaterimhimmel um Verzeihung bitten.

In der Predigt nannte die Pfarrvikanin Demut als das Leitprinzip im Leben guter Christ_innen. Und in der Tat bedeutet Religion eine gegen das Selbst gewandte Demütigung, eine Übung in gedankenloser Unterwürfigkeit.

Möglich wird das durch die Verschmelzung der eigenen Interessen mit denen des religiösen Kollektivs, die sich in der gemeinsamen Halluzinierung einer übersinnlichen Erfahrung vollzieht.
Sehr deutlich illustrierten das am Sonntag die Fürbitten. Ein Vorbeter las die vermeintlich gemeinsamen Wünsche vor, die Schafherde bzw. „Gemeinde“ antwortete mit einem bedeutungsvollen Säuseln: „Herr, erhöre uns.“ So wurde „besonders für unsere palästinensischen Geschwister“, aber auch „für die Länder, aus denen wir stammen“ und explizit „Deutschland“ (sic!) um göttlichen Beistand angefragt.

Konsequenterweise durfte in der Predigt auch dieses eine gewisse Wort nicht fehlen, gegen das ich inzwischen eine Art Allergie entwickelt habe: Die Toleranz. Der Gedanke der Duldung des vermeintlich oder wirklich Anderen gehört untrennbar zur Herrschaftsideologie der bestehenden Gesellschaft. Die eigene Meinung ist demnach nur als ein unwesentliches Steinchen in einem bunten Mosaik zu betrachten und hat sich also in der Konsequenz selbst nicht ernst zu nehmen. Wie im sog. „dialektischen“ Schulaufsatz hat alles diskutabel zu sein – unabhängig von der möglichen Dummheit eines Gedankens oder den Folgen seiner Umsetzung in die Praxis.

Warum die Pfarrvikarin am vergangenen Sonntag auch die Geduld lobpreiste, macht eine eher beiläufig eingestreute Erklärung deutlich. Ihr ging es nach eigenem Bekunden darum, die Anwendung von „radikalen Mitteln“ zu vermeiden, also die gesellschaftliche Funktion von Religion zu erfüllen: Einbinden und ruhig Stellen.

Da der Glaube per Definition ein irrationales Prinzip ist, ist er auf rationaler Ebene nur schwerlich angreifbar. Wo subjektives „Fühlen“ zum objektiven Beweis erhoben wird, aber auch wo die Partei immer recht hat, da können sachliche Argumente einfach nur ins Leere gehen.

Um die Selbstironie nicht zu kurz kommen zu lassen, schließe ich für heute mit Heinrich Heine:

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

P.S.:
Von einem Mitfreiwilligen auf das Thema Homosexualität angesprochen, erklärte der Probst beim Tee danach: „Wir haben größere Probleme.“