Archiv für August 2008

Gnadenlos mies

Es gibt einen Neuzugang im Bereich Zurichtungsfernsehen: Der Sender Sat1 hat am 20. August die erste Folge seiner Serie „Gnadenlos gerecht“ ausgestrahlt.

Das Format wird in der Eigendarstellung so beschrieben:

Die neue Sat.1-Doku begleitet die beiden Mitarbeiter der Kreisverwaltung Offenbach bei ihrer täglichen Arbeit. Das eingespielte Team heftet sich an die Fersen von mutmaßlichen Hartz IV-Betrügern: Sie ermitteln „undercover“ im In- und Ausland und kennen alle Tricks.

Die Rollen sind klar verteilt: Der der „eher ruhige, souveräne Kollege Helge Hofmeister“ schnüffelt ungeniert in der Privatsphäre von Hartz4-Empfänger_innen, die ihr Elend zu mindern versuchen, während die „temperamentvolle, geradlinige Helena Fürst“ sie „gnadenlos gerecht“ zurück in die Scheiße tritt.

So verweigern die beiden „Sozialfahnder“ in dem folgenden Ausschnitt einer alleinerziehenden Mutter mit einem dreijhrigen Kind eine Ersetzung der bereits auf dem Sperrmüll gelandeten verschimmelten Möbel. Weil sie aber erkennen, wie „dramatisch“ ihre Situation ist, geben sie sich so gnädig ihr ein DARLEHEN zu genehmigen, das sie in monatlichen Raten zurückzuzahlen habe:

Helena Fürst mag ihre Arbeit. Im Interview auf der Homepage zur Serie sagt sie:

Wir hatten und haben gemeinsam viel Spaß und es steckt viel Liebe und Arbeit von uns allen in dieser Serie.

Bei so viel Zynismus schafft es auch ein Christian Ulmen nicht mehr, die Menschenverachtung satirisch zu überspitzen. Bei seinem Charakter „Alexander von Eich“, bekannt aus „Mein neuer Freund“, reicht es mit der Pseudo-Reality-Soap „Alexander von Eich hilft“ doch nur zu einem blassen Abklatsch der Realität: Link.

Aber hier leben …

Auch wenn der Song anders intendiert gewesen sein mag, bleibt er mein Provinz-Soundtrack:

… und deswegen mache ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt:

Mit Versöhnungskitsch durch den Dschungel

Wenn erklärte Besserwisser_innen etwas nicht verstehen, neigen sie zuweilen dazu, ihren Status durch einen wütenden Ausfall nach vorne zu verteidigen. So auch Ingo Way und Stefan Wirner in ihrem Text „Juden als nützliche Idioten“, der rätselhafterweise im Feuilleton-Teil der linken Wochenzeitung Jungle World veröffentlicht wurde.


Bildquelle: Link

Darin versuchen sie, eine Kritik an einem Essay von Stephan Grigat zu formulieren, der im Dossier-Teil der vorangegangenen Ausgabe erschienen war. Leider reicht es beim Autoren-Duo Way/Wirner aber nur zu gegenstandslosen Diffamierungen, missverstandenen Zitaten und einer Identifikation mit der bundesrepublikanischen Staatsräson.

Wer sich offen zum Besserwissertum bekennt, sollte tatsächlich auch etwas besser wissen. Peinlich wird es nämlich, wenn auf einen Satz, wie

Das demonstrative Desinteresse an jüdischer Religion schlägt sich denn auch in fundamen­taler Unkenntnis nieder.

die eigene „fundamentale Unkenntnis“ offengelegt wird:

Denn der Messianismus ist mitnichten wesentlich für das Judentum, das eine Religion der Tora und nicht der Endzeit­erwartung ist. In manchen Sekten innerhalb des Judentums spielte das messianische Element zwar bisweilen eine Rolle, es wurde aber nie zum Mainstream.

Und auch sonst ist dem Text anzumerken, dass er schnell aus der Hüfte geschossen ist. So heißt es darin z.B.:

Um Juden geht es im antideutschen Denken nur bedingt, wie Grigat betont. Denn es handelt sich um »eine Kritik, die sich für Juden als Juden nur insofern interessiert, als sie Opfer des Antisemitismus waren und sind. Zu ihrem ›Jüdisch-Sein‹ – und das grenzt sie von philosemitischen Anwandlungen deutlich ab – hat sie ebenso wenig zu sagen wie zur jüdischen Kultur und Tradition.« Juden sind nur als Opfer von Interesse – und nicht als handelnde Menschen, geschweige denn als religiöse. Die Kursivierung des Wörtchens »als« soll nur kaschieren, was nicht zu kaschieren ist.

Grigat ging es in dem zitierten Satz nun aber nicht darum, grundsätzlich jede Beschäftigung mit „jüdische Kultur und Tradition“ zu diskreditieren, sondern vielmehr zu verdeutlichen, dass sie für eine Gesellschaftskritik nicht nutzbar zu machen ist.

Als Produkt des selben Irrtums wird aus dem Satz

Und der eine oder die andere Antideutsche jüngeren Semesters sollte besser Adorno lesen als eifrig Hebräisch zu pauken.

ein Aufruf zum „Boykott von Hebräisch-Kursen“.

Mit einem Vokabular, das an einen Verfassungsschutzbericht erinnert, kämpfen sich die Beiden durch den Ideen-Dschungel Stephan Grigats. Den Antideutschen wird zum Vorwurf gemacht, dass sie „antidemokratisch“, „linksextremistisch“ und „totalitär“ seien. Dabei machen sich die Autoren ein seltendämliches Konstrukt zu eigen, in dem alles links und rechts der goldenen demokratischen „Mitte“ gleichermaßen menschenfeindlich und Nazis und Linksradikale doch irgendwie alle das selbe sind.

Allen Ernstes echauffieren sich diese zwei lupenreinen Staatsfans darüber, dass der durchschnittliche Antideutsche

die Bundesrepublik und ihr demokratisches System abgrundtief hasst

und dass

diese linke deut­sche Strömung […] nur auf die Abschaffung von Marktwirtschaft und Demo­kratie hinaus will …

Welch schlimme Fürchterlichkeit! Welche neue Entdeckung! Eine linksradikale „Strömung“ zielt doch tatsächlich auf die Überwindung einer Gesellschaft, die Zumutungen wie Konkurrenzzwang und Leistungsprinzip, Gewinner und Verlierer_innen und die Zurichtung zu Staatsbürger_innen in nationalen Zwangskollektiven kennt. Aber es kommt noch ärger:

… und Versöhnung und Religiö­sität zutiefst verabscheut.

Für liberale Meinungssoldaten im Abwehrkampf gegen den „Extremismus“ ist es in der Tat folgerichtig, auch die Religion für ein schützenswertes Gut zu halten. Schließlich bleibt der „Kampf gegen die Religion […] mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist“ (Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie).

Von geradezu grenzenloser Ignoranz zeugt aber die Verwendung des Wortes „Versöhnung“ im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Geschichte. Auf diese Weise werden Täter und Opfer umgelogen zu gleichberechtigten Partnern in einem Prozess der Überwindung früherer gegenseitiger Differenzen. Schließlich entblöden sich die Autoren nicht, die Shoa implizit als Betriebsunfall im deutsch-jüdischen Joint-Venture zu verniedlichen. Sie schreiben von dem

Versuch der Deut­schen und der Juden, nach dem Holocaust ein neues Kapitel in der deutsch-jüdischen G­e­schich­te aufzuschlagen

Sollte es bei der Veröffentlichung des Textes „Juden als nützliche Idioten“ um die Erregung von Aufmerksamkeit gegangen sein, so wird dieses Vorhaben mit Erfolg belohnt werden. Das dürfte aber weder den Autoren noch dem Medium gut bekommen.

P.S.:
Nun war also doch jemand schneller: Wartezeit überbrücken …

P.P.S.:
Die Jungle World hat eine „Disko“ draus gemacht. Hier die Antwort von Gerhard Scheit: Eliminierung der Widersprüche

Gewichtiges Problem in South LA

Der internationalen Presse nach zu urteilen, gibt es in den Ghettos im Süden von Los Angeles eigentlich nur ein gravierendes Problem: Die widerspenstige Unterschicht ernährt sich zu ungesund. Eine aktuelle Studie befindet jedes vierte Kind in diesen Gegenden für zu dick, in LA insgesamt jedes dritte. Stadträtin Jan Perry weiß um die Folgen: „Der Nebeneffekt einer dauerhaften Ernährung mit Fast Food ist, dass die Gesellschaft langfristig die Gesundheitskosten tragen muss.“

Weil der soziale Bodensatz nicht weiß, welches Essen gut für ihn und vor allem für das Gemeinwesen ist, hilft ihm der Staat nun bei der Entscheidung. Einen „Sieg für die Menschen von South Los Angeles” nannte Perry die Annahme ihres Vorschlages, in dem Gebiet ein einjähriges Verbot für die Eröffnung neuer Schnellimbisse zu verhängen. Nun sei eine aggressive Werbung um Anbieter von „guten gesunden Alternativen“ notwendig.

Die sind allerdings für immer weniger Menschen bezahlbar. In der Folge der allgemeinen wirtschaftlichen Rezession sind die Lebenshaltungskosten in den USA so schnell gestiegen, wie seit 1991 nicht mehr. „Wir profitieren von dem Druck, den die Leute hinsichtlich ihres verfügbaren Einkommens verspüren“, sagte Burger-King-Chef John W. Chidsey im April dem Wall Street Journal. „Die Leute können es sich nicht leisten, zu Applebee’s zu gehen oder zu Chili’s.“ Und greifen notgedrungen zu den Ein-Dollar-Menüs bei McDonald’s, Burger King oder Wendy’s.

Fast-Food „ist die einzige Branche, die in South LA sein möchte“ erklärte der Sprecher der California Restaurant Association, Andrew Casana. „Restaurants mit Sitzgelegenheiten wollen sich dort nicht ansiedeln. Sonst wären sie dort.”

Der Soziologe Barry Glassner von der University of Southern California warnt zudem davor, „bestimmten Gruppen in der Bevölkerung vorzuschreiben, was sie zu essen haben“. Dies sei „bevormundend und herabwürdigend“.