Fußball und Deutschtum

Auch wenn der Untertitel des Blogs anderes verheißt, friste ich mein Dasein noch (!) immer in der schwäbischen Provinz.

Und in meinem ersten Post will ich erstmal anfangen, das zu tun, was ich hier noch öfter vorhabe: Fies rummeckern.

Gestern half mir mein gesamter Sicherheitsabstand zur Innenstadt nämlich rein gar nichts: Auch bei fest geschlossenen Fenstern war der Autokorso nach dem 3:2-Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer über die von Portugal trotz entsprechendem guten Willen nicht überhörbar. Gegen das, was hier zur Zeit so passiert, war das Theater während der WM das reinste Zuckerschlecken. Dass das letztlich nur Ausdruck einer ohnehin vorhandenen Grundstimmung ist, finde ich seltsamerweise wenig tröstlich.

Da ich mir die letzten beiden EM-Deutschmob-Parties (also da, wo Deutschland leider nicht verloren hat) aus der Nähe angesehen habe, konnte ich mir selbiges gestern ersparen.
So reagierte eine Gruppe testosteron-gepushter Jungmänner nach dem Spiel Deutschland-Polen auf eine gezielt provokante „Stalingrad“-Parole prompt mit gestrecktem rechten Arm und aggressiven Drohgesten.
Die ersten Deutschland-Fans, die ich nach dem Spiel Deutschland-Österreich zu Gesicht bekam, stimmten – na was wohl? – die erste Strophe des Deutschlandliedes an.
Mit einem vergleichbaren Mangel an Humor antwortete der verschwindend geringe Teil der partypatriotischen Festgesellschaft, der das Anhimmeln eines Transparents mit der Aufschrift „Fahne“ und Forderungen, wie die nach „Grenzen! Mehr Grenzen!“, überhaupt als Satire identifizierte. Bei einem eindeutiger kritischen Statement wäre wohl mit Knochenbrüchen für die Kritiker_innen zu rechnen gewesen.
Am selben Abend wurde ich dann Zeuge, wie an die mir ohnehin suspekten „Sieg“-Rufe unverhohlen noch ein „… heil!“ drangehängt wurde – auf Nachfrage war das natürlich jeweils nur „Spaß“. Ha, ha, ja wie immer halt, wenn den Deutschen der Nazi durchgeht. „Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen“, wusste schon der alte Tucholsky.

Wer den Fehler machte, sich an den besagten Abenden in Innenstadtnähe aufzuhalten, konnte sich so insgesamt darauf verlassen, ungefragt in die Fanmeute eingemeindet und im nationalen wie alkoholischen Vollrausch angejubelt und vollgedeutscht zu werden.

Aus diesem Anlass zitiere ich aus einem Text von mir selbst im Vorfeld der EM (leider hatte ich eine sehr knappe Zeilenvorgabe):

Nun ist es wohl bald wieder soweit: 11 kickende Gelfrisuren, die sich mit 11 anderen um einen Ball streiten, müssen als Hoffnung der Nation herhalten. Aber selbstverständlich: Hat ein nationalfahnenschwingender Mob, der im Land des Holocaust “Auf geht’s Deutschland, kämpfen und siegen!” gröhlt, nichts mit Politik zu tun. Seltsam nur, dass während der letzten Fußball-Weltmeisterschaft der Männer oft ein skeptischer Blick ausreichte, um (wortwörtlich!) gefragt zu werden: “Bist du denn nicht stolz auf dein Vaterland?” Wollte sich das Gesicht des Miesepeters dann noch immer nicht erhellen, wurde, unbewusst den ewigen Flakhelfer Walser zitierend, gerne noch einmal hinterher geschossen: “Ach, das damals, mit den Juden und so. Das ist doch schon so lange vorbei – wir müssen da endlich mal einen Schlussstrich ziehen!”

Auch wenn das im Provinz-Nest XXX (Zensur für den Blog) mit einer grinsenden Antiatom-Sonne auf dem schwarz-rot-goldenen Fahrrad-Wimpel manchmal etwas netter aussieht, bleibt Nationalstolz, was er ist: Blanker Unsinn. Denn kein Mensch kann etwas dafür, wo er geboren wird.
Dabei nützt die Deutschland-Besoffenheit vor allem der deutschen Wirtschaft, wenn sie der alleinerziehenden Hartz4-Empfängerin vorgaukelt, im Schoße des nationalen Kollektivs wirkliche Wärme zu spüren. So wird die Illusion aufrecht erhalten, sie habe mit einem deutschen Manager mehr gemeinsam, als mit einer französischen Niedriglohn-Jobberin. Ohne diese ganze Show (Achtung, Anglizismus! Vaterlandsverrat!) könnte sie ja am Ende noch auf die Idee kommen, den hochheiligen “sozialen Frieden” in Frage zu stellen.

Nationalstolz bildet sich stets in Abgrenzung zu etwas “Anderem” und führt zu einer Unterscheidung von In- und AusländerInnen. In Deutschland wird dies traditionell – also bereits seit dem Aufkommen der deutschen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert – von einer vermeintlichen gemeinsamen Abstammung hergeleitet. Dies ist ein wichtiger Grund dafür, dass selbst Menschen, die einen deutschen Pass besitzen und vielleicht sogar in Deutschland geboren sind, oft nicht als “vollwertige Deutsche” akzeptiert werden.

Diese Zeilen sind zu verstehen als eine Art letzter Appell an den Verstand, bevor er im Fahnenmeer versinkt: Schnell die Vorräte aufstocken, unter die Bettdecke kriechen und den Wahn überwintern. Oder eben doch: Raus gehen und Spaßbremse sein.

Zum Schluss noch das obligatorische Querverlinke:

Viel Spaß beim Lesen. Ich bin dann mal so lange kotzen.


4 Antworten auf “Fußball und Deutschtum”


  1. 1 Wendy 20. Juni 2008 um 18:07 Uhr

    Hm, viel versprechender Schreibstil. Aber was meinstn du mit Vokabel „Deutschtum“?

  2. 2 Benjy 22. Juni 2008 um 12:59 Uhr

    Nix gegen Fußball, du! *grimm*
    Weil wer keine Zähne hat: sollte den Mund nicht so voll nehmen :)

  3. 3 lokale 22. Juni 2008 um 13:12 Uhr

    Es ist übel, wie mensch diesem Wahn nicht entgehen kann. Ich schaue gerne Fußball, jedoch in einer angenehmen Stimmung wo es um den Spaß am Spiel geht und nicht um die bekackten Nationen. Und da ich gerne mit anderen zusammen Fußball schaue ist doch der beste Ort um dies zu tun ein vermeintliches linkes Zentrum. Hier angekommen geselle ich mich zu ein paar fußballschauenden Punks. Was kann schöner sein, als gemeinsam gegen Deutschland zu kotzen. Also fange ich doch gleich mal an – denke ich mir. Doch was passiert? Ich darf mir von diesen Punks gleich mal mächtig was anhören wo auch sachen kommen wie „Wenns dir nicht passt, dann geh doch woanders hin.“ Anfangs dachte ich, die meinen das linke Zentrum. Aber mit Schrecken stellte ich fest, dass die Deutschland mögen. Naja, aber da es dann angefangen hat Spaß zu machen, diese Patrioten-Punks zu verarschen, bin ich doch geblieben.
    Nach dem ich erstmal mit Schrecken feststellen musste, wie Schland gewinnt, bin ich mal zum Deutsch-Mob gegangen und das wiedermals bisschen zu beobachten. Dort haben wir dann auch mitgesungen mit unseren Lieder wie „Ten german bombers“ und „Wir wollen Stalingrad, wir wollen Stalingrad, wir wollen wir wollen Stalingrad“. Lustigerweise hat das der Deutsch-Mob nicht kapiert. Doch eine Gruppe von 4 Menschen hat es bemerkt, die sich dann auch vor uns aufbaute. Komischerweise hatte der vorderste Typ von denen ein „Consdaple“ T-shirt an (http://www.dasversteckspiel.de/dresscodes2.html) . Dieser schwenkte seine Fahnen-Stock ziemlich bedrohlich, weswegen wir dann beschlossen doch lieber heim zu gehen.
    Naja, ich hoffe immer noch auf ein baldiges Ausscheiden von Deutschland.
    Polen muss bis Frankreich reichen!

  4. 4 subtext 22. Juni 2008 um 14:40 Uhr

    @ Wendy:
    Danke für die Blumen. „Deutschtum“ soll eine satirisch übertriebene Wiedergabe vom nationalistisch-deutschen Selbstverständnis sein. Das hätte ich vermutlich besser formulieren können.

    @ Benjy:
    Bisher habe ich ja hier bloß den Ausdruck des deutschen Nationalismus aus dem Anlass der EM behandelt. Den allgemeinen Fußball-Diss hole ich aber bei Gelegenheit gerne nach. :-P

    @ lokale:
    Hat dich das mit den patriotischen Punks ernsthaft überrascht? Spätestens seit der WM müsste doch klar sein, dass auch deutscher Nationalismus links vom Mainstream noch nicht halt macht. Und das Zentrum, das du meinst, ist ja nun so politisch auch wieder nicht.

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